Nov 05 2009
Mama oder TV – Wer erzieht Kinder?Vorurteile gegen Kinder in sozial-schwachen Familien
Wohl jeder kennt die Vorurteile, dass Kinder aus sozial schwachen Familien ihre Freizeit eher damit verbringen viel vor dem Fernseher sitzen und Serien schauen als sich mit ihren Freunden zu treffen und etwas zu spielen. Einige Serien, „Familien im Brennpunkt“ oder „Die Super-Nanny“ seien hier als Beispiele genannt, bringen uns diesen Klischees durch ihre vorgeführten Inhalte und ihre Aufmachung immer wieder nahe. Doch ist es wirklich der Fall, dass Kinder aus sozial schwachen Familien mehr fernsehen? Oder sehen sie einfach nur anders Fernsehen?
Für die repräsentative KIM-Studie 2008 (KIM: Kinder, Internet, Multimedia) wurden 1.200 Kinder und deren Haupterzieher zu ihrem Mediennutzungsverhalten befragt. Hier wurde herausgefunden, dass für Kinder zwischen 6 und 13 Jahren der Fernseher das wichtigste Medium bleibt, mit dem sie noch immer doppelt so viel Zeit wie mit dem Computer verbringen. Natürlich lässt sich diese Studie nicht nur auf Kinder aus sozial schwachen Familien beziehen, dennoch zeigt sie deutlich, dass Medien in vielfältiger Weise an der Sozialisation von Kindern beteiligt sind. Medien bieten den Heranwachsenden nicht nur eine Projektionsfläche für ihre Wünsche, Emotionen und Phantasien sondern auch Orientierungshilfen und Identifikationspotential. Mit zunehmendem Alter der Kinder erhalten Medien auch Relevanz für die Ausgestaltung und Regulation von Freundschaften, auch für Kontakte von Gleichaltrigengruppen (Peer-Groups) und familiäre Beziehungen. Die Medienhandlungsweisen der Kinder hängen dabei stark von ihrem sozialökonomischen Hintergrund ab.
In der Familie sammeln die Kinder ihre ersten Erfahrungen, die wichtig sind, für das Hineinwachsen in die Gesellschaft. Auch die Mediennutzung fällt in den Rahmen der familiären Umgangsformen, die die Kinder nur hier erlernen.
Die 1. World Vision Kinderstudie zeigt verschiedene Freizeitmuster der Kinder.
Ein Viertel der Kinder berichtet von vielfältigen Aktivitäten – neben sozialen Kontakten, Sport und Bewegung vor allem häufiges lesen, tanzen, Theater spielen und nur mäßiges Fernsehen und Playstation- und Computerspielen. Ein anderes Viertel macht es genau umgekehrt und stellt die Medienaktivitäten ganz in den Vordergrund, sie sind sehr intensive Medienkonsumenten. Die übrigen 50% sind sozusagen „ganz normale“ Freizeitler mit gemischten Aktivitäten.
Ein markantes Ergebnis dieser Studie ist: Die beiden extremen Muster des Freizeitverhaltens sind von großer Aussagekraft für die Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung der Kinder. Sie verfestigen geradezu getrennte Welten. Die 25% vielseitigen Freizeitler nämlich stecken voller Impulsen und haben positive Einstellungen zu Schule und Zukunft. Die 25% Medienkonsumenten fallen hingegen durch Trägheit und geringe Bildungsaktivitäten auf. Sie sind wenig in Sportvereine eingebunden, erfahren kaum Anregungen aus Kunst und Musik, gehen
nur zu einem kleineren Teil förderlichen Freizeitbeschäftigungen wie regelmäßigem Lesen, Basteln, Musizieren, Tanzen und Malen nach und wenden sich stattdessen passiven Beschäftigungen zu, allen voran dem Fernsehen. Diese Medienkonsumenten kommen vor allem aus den unteren Herkunftsschichten. 41% dieser Kinder berichten davon, täglich mehr als zwei Stunden am Tag vor dem Fernseher zu sitzen. Bei den gut situierten Kindern sind es nur 8%.
So deutlich wie in dieser Studie ist noch nie der Zusammenhang zwischen dem Freizeitverhalten und dem kreativen Entwicklungspotential bei Kindern nachgewiesen worden, der sich bei Eintritt in die Grundschule entsprechend auswirkt:
49% der Kinder aus der untersten Schicht haben einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer, nur 16% aus der obersten Schicht. 11% der Unterschicht lesen täglich, aber stolze 46% der Oberschichtler. Bei der Mitgliedschaft in Musikgruppen ist das Verhältnis 4% zu 41%. Wie gesagt: Das sind getrennte Lebenswelten, damit auch getrennte Kultur- und Bildungswelten.
Ein großer Teil des Fernsehverhaltens lässt sich möglicherweise auch auf die mangelnde Anwesenheit der Eltern zurückführen. Doch wie schätzen die Kinder diese Lage ein? Wie stehen sie zur häufigen Abwesenheit vor allem der Mutter durch deren Berufstätigkeit? Unsere Ergebnisse zeigen: Insgesamt geben 87% der Kinder an, dass zumindest ein Elternteil für sie hinreichend Zeit aufwendet, wobei die Mutter deutlich besser als der Vater abschneidet. 13% der Kinder aber klagen über ein großes oder sogar sehr großes Zuwendungsdefizit der Eltern.
Wir haben analysiert, ob die Berufstätigkeit von Mutter und Vater hiermit zusammenhängt. Das ist nicht der Fall: Weit über dem Durchschnitt, nämlich zu 28%, klagen diejenigen Kinder über mangelnde Zuwendung, deren Eltern arbeitslos sind oder die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen. Noch stärker, zu 35%, klagen die Kinder von erwerbstätigen allein Erziehenden. In Familien, in denen beide Elternteile in Vollzeit erwerbstätig sind, empfinden die Kinder das hingegen nur wenig mehr als der Durchschnitt der Kinder das als ein Zuwendungsdefizit. Am allerzufriedensten mit der Zuwendung sind diejenigen, bei denen nur ein Elternteil erwerbstätig ist und diejenigen, bei denen ein Elternteil voll und das andere in Teilzeit erwerbstätig ist.
Aus diesen Studien könnte man also das Fazit ziehen, dass es tatsächlich im Durchschnitt der Bevölkerung so ist, dass Kinder aus sozial schwachen Familien, ihre Freizeit häufiger vor dem Fernseher verbringen, um somit einen Ausgleich zum Umgang mit anderen Menschen zu haben.
In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sollte man dieses allerdings nicht immer gleich als Erklärung für irgendein Verhalten im Kopf haben, sondern speziell auf das Kind/den Jugendlichen und seine Familie eingehen. Schließlich ist es auch möglich, dass ein Kind, dass aus einer sogenannten sozial starken Familie seine Freizeit vor dem Fernseher verbringt, weil seine Eltern bis abends auf der Arbeit sind und erst danach Zeit haben, die sie mit ihrem Kind verbringen können, oder?
Quellen:
http://www.bundestag.de/dasparlament/2009/17/Beilage/004.html
http://www.mauszentrum.de/start/materialien/mediensozialisation.htm#
http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag4/downloads/worldvision.pdf
Birte und Silvana