Mai 22 2008
Die kritische Masse
In der Hoffnung, dass noch niemand über das Re:publica-Gespräch zur kritischen Masse geschrieben hat (auch wenn ich nachgeschaut habe…), fasse ich hier das Video zusammen.
Das Video ist eine Radiosendung des Chaos Computer Clubs, Gast ist dementsprechend auch ein Mitglied und zwar Peter Glaser. Er ist seit frühesten Wehen des Computerzeitalters im CCC, empfindet sich selbst aber hauptsächlich als Autor.
Als dieser kennt er seine Leserschaft nicht, schreibt also in einen dunklen Raum hinein und weiß nichts über die Masse, die er anspricht. Wichtig ist für ihn allerdings, dass er die Masse nicht als Masse wahrnehmen will, sondern als Gruppe von Individuen. Jeden Monty Python-Fan wird es freuen, dass er als Grundszene zum Demokratieverständnis “Das Leben des Brain” aufführt – insbesondere die Szene als er auf dem Balkon steht und der versammelten Menge morgens zuruft, dass sie alle anders wären (also Individuen) und alle gleichzeitig mit einem stumpfen “JA!” antworten. Nur einer ruft den legendären Spruch “Ich bin gleich!”.
Dann möchte sich der Moderator (auch Mitglied im CCC) der Frage zuwenden, ab wann eine Masse kritisch wird. Also ab wann sie so groß ist, dass die Kritik gehört wird und ab wann eine Masse zu groß ist um noch übersichtlich zu sein. Ein Beispiel, auch Subkulturen nicht zu unterschätzen, ist die Subkultur Computer und insbesondere Internet (man erinnere sich nur an Unix!!!), die mittlerweile eine Leitlinien allen kulturellen Treibens geworden ist. Peter Glaser macht eine Dreiteilung: Zuerst haben nur die Hacker illegal am Internet teilgenommen, jeder kannte mehr oder weniger jeden und jeder konnte sich frei ausdrücken und ausleben wie er wollte; ab 1993 wurde das Internet dann öffentlich, (Netscape brachte den ersten visuellen Browser heraus – eine Revolution!), allerdings fiel zuerst einmal das Phänomen weg, dass jeder als Sender fungieren konnte, also jeder frei gestalten konnte. Heute wiederum entwickelt sich das Web 2.0 und jeder ist wieder Teil der Masse, kann aber auch wieder Massenmedien gestalten (Blogs, …). Das war vorher nicht möglich; man denke nur an das Fernsehen, bei dem man bis heute keinen Einfluss hat, was man sich so ansehen kann. Problematisch wird von Gast und Moderator die Komplexität der neuen Medien gesehen, allerdings wird diese als Herausforderung für neue Strategien zum Umgang mit den Medien gedeutet.
Der Moderator widmet sich jetzt dem Öffentlichkeitslevel der Beiträge im Web 2.0. Er findet es nahezu naiv zu sagen, dass jeder jetzt ein Massenmedium “besenden” kann. Die einzelne Meinung gehe im Chaos der vielen unter. Dem widerspricht Peter Glaser in seiner recht starken Zukunftseuphorie, indem er festhält, dass die Blogs keine Konkurrenz zu den klassischen Medien sein wollen, sondern ein friedliches Nebenher darstellen, bei dem sich jeder seine Informationen frei abholen kann, wie er will. Und so kann jeder selbst entscheiden, welche Blogs, … er lesen möchte. Eine große Wirkung gehe nicht von einem einzelnen Blogger aus, sondern von der Allgemeinheit, von der Möglichkeit, die die Wirklichkeit, die in den Nachrichten der klassischen Medien in Frage stellen, ergänzen, kommentieren kann.
Demnach ist Journalismus nicht mehr eine Sache von professionellen Journalisten, sondern ein Massenphänomen, zu dem jeder Zugang hat.
Der Medienkonsum und die Medienflut, der jeder einzelne sich ausgesetzt fühlt, regen an, neue Strategien im Umgang mit Medien zu entwickeln. Eine neue Möglichkeit sei die Kurzform. Zum Beispiel die kurzen Videos auf youtube, twitter als SMS des Internet, … Da sich die Gesellschaft noch im Lernprozess befindet, muss sie noch weitere Strategien entwickeln und neue Ideen von Medienkonsum schaffen. Ein sehr schönes Bild wird zum Abschluss gefunden: Es ist so, als wolle man von einem voll aufgedrehten Feuerwehrschlauch einen Schluck Wasser trinken.
Leider antwortet der Gast Peter Glaser nie direkt oder inhaltsbezogen auf die Fragen des Moderators. Alles bleibt sehr in einem Geplänkel über ihn und sein Leben in den Anfängen des Chaos Computer Clubs. Mich persönlich stört dieser Technikglaube und die Euphorie, die jegliche Kritik ausblendet bei Peter Glaser und auch beim Moderator. Bisher habe ich den CCC meist als vernünftige Institution kennengelernt, nicht als verblendet. Ich habe das Video ausgewählt, weil mich das Thema sehr angesprochen hat; leider wurde es kaum thematisiert. Dennoch sind einige sehr interessante und zu diskutierende Aspekte im Gespräch aufgekommen. Die Nachdiskussion auf der Re:publica hätte mich sehr interessiert.