Henrik Polke: Novemberhitze

Henrik PolkeHenrik Polke studiert seit 2009 an der Universität Osnabrück die Fächer Germanistik und Geschichte. Seine Kurzgeschichte wuchert im Inneren zweier Menschen. Es verwachsen Zerfall und Vergebung zu Hoffnung.

Novemberhitze

Die Bettkante wurde eine Klippe, starr durch die angewinkelten Beine hindurch betrachtet. Dieser Abgrund tat sich nicht plötzlich auf. Er war schon länger da. Alles, was sich änderte, war der Blick. Aussicht und Abneigung verschoben, verteilten sich lautlos in die entlegensten Winkel des sterilen Schlafzimmers. Tropfen dirigierten die Sekunden, die, gefangen in schmalen Tunneln, in die bleichen Venen der von Wucher Zerfressenen flossen. „Marcus, bist du noch wach?“, hauchte die Hülle, von deren Namen er sich schon zu trennen zwang. „Ja, ich bin nicht – mehr – müde.“ Sie schloss die Augen und er den Benzinkanister, dessen Inhalt seicht, gar meeresgleich vom Für zum Wider schwappte. Ein Abwägen war nicht mehr notwendig. Denn egal, wie er es oder auch sich drehte und stürzte, brachte es ihn dem verlorenen Boden nur ein unwesentliches Stück näher. Und so überwand er sich und das Gewinde des Kanisters, während sein Blick ziellos in das fahl schimmernde, auf den Funken lauernde Meer fiel. Stumm stieß er den Kanister um, erhob sich, beugte sich behutsam über die zerfressene Hülle seines einstmals wertvollsten Besitzes und legte ihr mit einem Kissen das Schweigen auf die Lippen. Zu seinen Füßen der Boden, endlich wieder, feucht zwar, noch immer gierig auf den Funken lauernd. Marcus, der Mörder. Ruhig spielten die Finger seiner rechten Hand mit dem Feuerrad, dass er schon so lange bei sich trug. Eine Umdrehung, ein Funke und dann der Ausbruch aus diesem ewigen Kreis. War die simple Bewegung eines Fingers tatsächlich das, was ihm Freiheit bringen sollte?
Ein Funke…
…schoss durch das Neon der Röhre und flackernd zeichneten sich die Konturen eines müden Mannes im Spiegel ab. **Du bist ein guter Mann, Gabriel. Du bist so, wie es Gott gewollt hätte**, brannte es in seinem Kopf, als er das, was von ihm noch übrig war, im Spiegel betrachtete. Kalte Fluten rauschten durch seine Hände und brachen dann über seinem Kopf herein. Neben ihm, auf einem kleinen, schmucklosen Beistelltisch, lag ein brauner Umschlag. Er kannte den Inhalt. Erst war sie dran, nun sollte er also folgen. Ihr folgen – das gefiel ihm. Gabriel atmete tief ein, riss mit einer kontrollierten Bewegung das obere Ende des Umschlags auf und zog nun mit angehaltenem Atem zwei Röntgenbilder heraus. Er hielt die Wahrheit in den Händen und streckte sie dem Licht entgegen. Faustgroß lag sein Ende unter den zwölf Bögen, windkammernah. „Hier ist nichts aufzuhalten…“, presste er durch die Lippen und ließ die Bilder zu Boden fallen. „Nie geraucht. Du nicht und ich noch viel weniger. Ironisch, findest du nicht?“, sprach er zu sich, vielleicht auch zu ihr und verließ das Bad, zog sich an und ging ins Wohnzimmer. Gabriel stellte sich an das Fenster und horchte dem Novemberwind, der an den Scheiben schliff. Da unten floss es dahin. Menschen, Metall, Energie, Pisse – die aber verdeckt. Dieses Rad, dieser Kreislauf, dieser ewige Kreis machte ihm zu schaffen. „Lernt schwimmen. Ihr alle! Lernt schwimmen, ihr Wichser! Gott, ich flehe dich an. Schick eine Flut, die alles packt, überschwemmt, hinwegreißt und diese ganze Stadt plattmacht.“ Gabriel zuckte kurz zusammen, strich sich übers Kinn und wischte sich etwas von der Wange. Dann sog er tief die Stille in sein Inneres und blickte betroffen zu Boden. „Tut mir leid.“ Das Telefon klingelte. Noch immer. Immer – Gabriel verschränkte die Arme vor der Brust – noch. Die Zeit stand…

Still…
…knöpfte Marcus seinen Mantel zu. Sein Körper floss losgelöst von jeglichem Gefühl mit dem Strom in den Adern der Stadt. Seit Stunden trieb er herzoffen durch dieses Meer aus Leibern, Metall und Lichtern. Das, was ihn in Bewegung setzte, war nun das, was ihn nun dazu brachte, dass sie – die Bewegung – aussetzte. Seine Beine wurden Pfeiler. Starres Stützwerk, auf dem nun die Altäre der Schuld lasteten. In den Opferschalen verbranntes Fleisch. Fleisch, dessen Form und einstmals noch Namen er kannte und dessen Geruch ihm die Tränen in die Augen schießen ließ. Nichts hatte sich geändert. Marcus lehnte sich an eine Hauswand, kniff die Augen zusammen und sammelte sich. Und in diesen Fluten fühlte er sich ertrunken, musste sich entziehen. Am besten: verzeihen – und zwar sich selbst. „Ja“, flüsterte er und stieß sich von der Hauswand ab und erhob seinen Blick. Fensterreihen: hell, dunkel – unwillkürlich. Zwischen und drin, vor und hinter Vorhängen, vor und hinter Wänden sah er nur schemenhaft das, was den Beton belebte. Menschen, grau und formlos. Keines Blickes – eines Blickes war nur einer wert. Den Wolken näher als die anderen, im obersten Stock des ins Auge gefallenen Hauses stand ein Mann am Fenster. Verschränkt die Arme vor der Brust und weder Vorhang noch Wand vor dieser Form. Marcus sah sich den Mann genauer an, sah trübe Augen, doch bestimmt und lauernd, vielleicht nur grad nicht sie selbst. Sah Leben, sah Zerfall, sah mehr noch. Sah
sich…
…selbst zu überwinden und den zweiten Schritt zu machen, war ihm nicht möglich. Es war zu spät und der Anrufbeantworter sprang an. „Hi, hier sind Gabriel und Celeste. Wir sind leider grad nicht zu erreichen, aber hinterlasst uns doch eine Nachricht und wir…oh, Gabriel, hör auf damit wir …Gabriel!“, und dann der Signalton. Gabriel ballte die Hand zu einer schmerzenden Faust und schaute wieder aus dem Fenster. Sein Vater. Nun rief er an. Nach all den Jahren kam er nun an. „Gibt viel gut zu machen, hm?“, sprach er zu sich selbst und schaute herab auf die Straße. „…es tut mir leid, Gabriel. Komm nach Hause, mein Sohn“, beendete sein Vater seine Nachricht auf dem Anrufbeantworter und es wurde wieder still. Gabriel blendete den Anruf jedoch vollkommen aus, denn sein Blick traf den eines Mannes dort unten auf der Straße. „Was guckst du mich so wehleidig an, du Penner? Hm?“, sagte er leise und zog einen Mundwinkel hoch und stieß sich dann vom Fensterbrett ab. Sein Mantel, seine Schuhe, seine Handschuhe, sein Schlüssel, die Maske – alles beisammen. Gabriel ging ruhig durch die Wohnung, löschte das Licht in allen Räumen, schloss die Badezimmertür und würdigte die Bilder auf dem Boden keines weiteren Blickes. **Du bist ein guter Mann, Gabriel. Du bist so, wie Gott es gewollt hätte**, zog es wieder durch seinen Kopf, als er die Tür hinter sich schloss und sich ein letztes Mal auf den Weg zur Arbeit machte. Ein Gefühl von Unwohlsein überkam ihn, als er sich in seinen Wagen setzte und sich dem Fluss zum Treibgut machte. „Was für eine beschissene Stadt“, kommentierte er sein Gefühl und ließ den Wagen anspringen und fuhr die hell beleuchteten Straßen in Richtung Zentrum. Auf dem Beifahrersitz seine Dienstmarke, drei Packungen Tabletten, einige Zettel und in einem Umschlag seine Kündigung. Hin und wieder, an roten Ampeln und Bahnübergängen, warf er einen Blick auf den Sitz. Lächelte. Ja, das war sein Leben. Hier kam alles zusammen. Das Bild war stimmig und etwas passte – nicht. Als er an einer Kreuzung anfahren wollte, ja laut dem Hupen der Fahrzeuge hinter ihm auch sollte, sah er ihn wieder. Auch wenn es dämmerte, er erkannte ihn. Es war der Typ, den er schon durch sein Fenster sah. „Was machst du hier?“ Gabriel schaute sich um und sah den Mann in der Kirche auf der gegenüberliegen Straßenseite verschwinden und fuhr

an
…und für sich, ja gerade für ihn, schloss sich mit dem Geräusch der einfallenden Tür hinter ihm ein Kapitel. Ein Dutzend Personen saßen andächtig auf den hölzernen Bänken und sie senkten fromm ihre Köpfe. „Was mache ich hier nur?“, flüsterte Marcus sich selbst zu und wollte sich schon wieder umdrehen, als er im Augenwinkel eine Vielzahl von Kerzen auf kleinen Ständern brennen sah. Wie eine Motte vom Feuer angezogen, führten ihn seine Schritte lautlos zu den Kerzen, die er nun mit dem Gefühl eines warmen Schauers betrachtete. „Zünden Sie doch auch eine Kerze an. Vielleicht für jemanden, den sie lieben, oder jemanden, der ihren Beistand braucht“, durchzog die ruhige Stimme des Pastors die Glieder des Mörders. Marcus drehte den Kopf leicht und sagte ebenso ruhig: „Und das hilft?“ Der Pastor lächelte. „Nun ja, das klingt ja fast so, als sollte es eher ihnen helfen, hm?“ Marcus biss sich auf die Lippen und blickte voller Scham auf die Auslage mit den unberührten Kerzen. „Versuchen Sie es einfach mal“, ermutigte ihn der Pastor und trat näher an Marcus, der zögerlich die Hand ausstreckte. Seine kühlen Finger glitten an der Kerze entlang, umschlossen sie und hielten sie zaghaft fest. Nun suchte sein Auge nach einem geeigneten Platz. Spitze Stacheln aus Metall waren die Sockel für diese Kerzen. Einige waren mit altem Wachs verklebt, ähnlich einem blutigen Dorn. Marcus unterdrückte das Bild. Zwischen zwei beinahe abgebrannten Kerzen, ganz am Rand der blutigen Dornen, war noch ein Platz frei. Sein Platz. Marcus schob die Kerze zögerlich auf den Dorn und spürte, wie das Metall sich in den Rumpf der Kerze schob. Qualvoll drängten sich die Bilder des strafenden Pfeilers wieder in seinen Kopf. Die Vorstellung eines gepfählten Leibes. Ihr Leib. Ihr Fleisch. Marcus wich erschrocken zurück, wurde aber vom Pastor gestützt. „Alles in Ordnung mit Ihnen? Nun müssen Sie sie nur noch anzünden und Gott um das bitten, was er ihnen, oder anderen, gewähren soll.“ Marcus atmete flach und schluckte tief, als der Pastor ihm ein langes Streichholz gab. „Bitte“, sagte er und nahm wieder Abstand von Marcus. Marcus riss das Streichholz mit geschlossenen Augen an und mit dem Geräusch der auflodernden Flammen öffneten sich seine Augen und ein Flammenmeer brach über ihm herein. Bilder von verbranntem Fleisch, zerflossener Haut und flehenden Schreien durchzuckten seinen Körper. Erschrocken ließ er das Streichholz fallen und mit ihm fielen auch die Bilder vor seinem inneren Auge…

zusammen
…mit seinen Verbündeten. Den Schuhen, den Handschuhen, dem Mantel, dem Schlüssel und der Maske betrat er lächelnd das Kommissariat und vergewisserte sich dabei noch mal, dass die Kündigung auch wirklich in seiner Manteltasche war. Es war kaum noch etwas los. Zwei seiner Kollegen saßen bei einem Kaffee im Eingangsbereich, während in den hinteren Räumen nur noch wenig Betrieb war. Sein Ziel jedoch lag im fünften Stock. Gabriel glitt unruhig mit den Fingern über die Kündigung in seiner Manteltasche und schaute seufzend hinter sich zurück. Wieder die Worte seiner verstorbenen Frau im Kopf. **Du bist ein guter Mann, Gabriel.** Doch
dann
…schob sich Marcus durch den Eingang in das Kommissariat und erkannte beim Betreten des Gebäudes den Mann mit den trüben Augen. Marcus hielt inne, blickte den Mann durchdringend an und ihm wurde klar, dass von hier an – nichts mehr wie früher
Wa(h)r
**…scheinlich will er zu mir**, durchfuhr es Gabriel wie ein Schlag und er machte einen Schritt zurück und drückte beiläufig die Taste zum Rufen des Fahrstuhls, vor dem er stand. Misstrauisch zögerte er und nahm nur schwerlich die sich öffnenden Türen zur Kenntnis, doch dafür umso mehr den Fremden, der nun direkt auf ihn zukam. Schritt für
Schritt
…schritt Marcus auf den Menschen zu, von dem er nun aus tiefstem Inneren überzeugt war, dass er die einzige Person war, die ihm dort helfen konnte, wo er selbst – und Gott – versagt hatten. „Ich muss mit Ihnen reden“, brach es aus Marcus, als er den Unbekannten in den Fahrstuhl drängte und die Tür sich hinter ihm
Schloss.

720 Grad und dann öffnete sich die Tür. Die Schuhe, die Handschuhe, der Mantel, der Schlüssel und nicht die Maske (sie spielte ein doppeltes Spiel) – betraten zusammen mit ihm die Wohnung. Und das erste Mal seit Monaten strömte Zuversicht unter den zwölf Bögen in seine Windkammer. Er öffnete die Türen, auch die zum Bad, die Gefürchtete. Bedrohlich lagen dort die Bilder, die Beweise seines Zerfalls auf dem Boden – wurden, ja wirkten wie dunkle Abgründe, im sonst makellos weißen Grund des Badezimmers. Den Kopf leicht geneigt, und im anderem Licht und Winkel betrachtet, wirkten sie – ü b e r w i n d b a r. Gabriel erkannte, was sie meinte, was sie sich wünschte und blickte lächelnd beim Betreten des Wohnzimmers aus dem Fenster. „Und bleibt in meiner Sterblichkeit eine Zelle, auch nur ein Bruch von einem Teil bereit, so spreche ich nicht von Vergänglichkeit, gar vielmehr der Gelegenheit – dass sich das Eine – aus dem All befreit“, flüsterte Gabriel, legte seine Kündigung zurück auf den Tisch und griff zum Telefon.

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