„Und dieses Land darin ich leben will / Aber muss“ – Lyrik der DDR

lyrik-der-ddrVor zwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer, ein Jahr später kam die juristische Wiedervereinigung Deutschlands. Doch auch die literarische? Oder gab es in Wirklichkeit nie „zwei deutsche Literaturen“? Wie auch immer man diese Frage für sich beantworten mag, eins lässt sich nicht leugnen: Wie in vielen anderen Ländern mit eingeschränkter Meinungs- und Pressefreiheit, führte die Beargwöhnung des literarischen und besonders des dichterischen Wortes in der DDR durch die Zensurargusse notwendigerweise zu einer erstaunlichen lyrischen Gegenbewegung. Und dabei zu einer poetischen Vielfältigkeit und Sprachgewalt, von der manch ein demokratischer und in der eigenen (Presse-)Freiheit ertrinkender Staat nur träumen kann. Auch die Menschen scheinen in solchen Staaten dem Dichterwort gespannter zu lauschen, als anderswo.

Pünktlich zu den beiden Jubiläen dieses Jahres, dem zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls (am 9. November) und dem sechzigsten der DDR-Gründung (am 7. Oktober), hat der S. Fischer Verlag die Anthologie „Lyrik der DDR“ herausgebracht, die einen guten ersten Einblick in diese Mannigfaltigkeit und Sprachgewalt vermittelt. „Völlig unhaltbar“ sei „die vor allem im Westen immer noch verbreitete Ansicht, die Lyrik der DDR sei gleichsam eine einzige große Auftragsarbeit zur aktuellen Propaganda politischer Leitlinien des sozialistischen Staates gewesen“, so die Herausgeber Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte in ihrem Nachwort.

Auf die Widerlegung dieser These scheint auch die ganze Gedichtsammlung angelegt zu sein. Nur so lässt sich zumindest der nahezu allumfassende Begriff der DDR-Lyrik rechtfertigen, den die Herausgeber der Ausgabe zugrunde legen. Demnach gehören zur DDR-Lyrik zum einen vor der Staatsgründung und auch viele Jahre nach der Wiedervereinigung geschriebene Gedichte, zum anderen aber auch Verse, die in der DDR – vor allem aus zensurtechnischen Gründen – gar nicht veröffentlicht werden durften und im Ausland oder erst viel später die breite Leserschaft erreichten. Aufgenommen sind also auch Autoren, die wie Wolf Biermann das Land verlassen mussten oder, wie Sarah Kirsch nach Biermanns Ausbürgerung, es aus eigenen Stücken verließen, wenn auch selten ganz ohne Druck „von oben“.

Sehr ungewöhnlich ist der Aufbau des Bandes: Die Gedichte sind nicht nach Themen oder Autoren sortiert, wie man es sonst von Anthologien gewohnt ist, sondern nach Jahren: von 1945 bis 1999. Mit Inge Müllers Gedicht „Trümmer 45“ fängt die Sammlung an und schließt mit Wolf Biermanns Lied „Um Deutschland ist mir gar nicht bang“. Insgesamt kommen 180 Autoren zu Wort, die sich in rund 500 lyrischen Texten auf fast 450 Seiten vielerlei Themen annehmen. Was allerdings philologisch äußerst bedenklich ist: Mal werden die Gedichte ihren Entstehungs-, mal ihren Veröffentlichungsjahren zugeordnet. Eine Orientierung ist nur mit Hilfe des Autoren- und Quellenverzeichnisses möglich, auf die Jahreszahlen – und somit die ganze Gliederung der Sammlung – sollte man sich also nicht verlassen.

Doch was einem Literaturwissenschaftler Zahnweh verursacht, freut dann umso mehr den Lyrikfan. Durch den weiten DDR-Begriff und eine derart ungewöhnliche Anordnung wird der Band zu einem guten Lesebuch, fällt doch nicht nur die formelle, sondern auch die thematische Palette der Texte äußerst breit aus: von Reimgedichten bis zu freien Versen, von Liebes- bis zur Natur- und Großstadtlyrik, von eingängigen Liedern (wie etwa Helmut Richters „Über sieben Brücken musst du gehen“) bis zu sprachlich höchst verdichteter Poesie (wie etwa bei Erich Arendt). Neben offensichtlich der Agitprop und dem Sozrealismus verschriebenen Texten präsentiert die Auswahl auch zahlreiche Gedichtbeispiele, die den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, den Neuanfang nach dem Krieg und die Teilung Deutschlands thematisieren. Es finden sich zahlreiche kritische – also gegen die DDR – gerichtete Gedichte. Die bis 1999 verschobene zeitliche Grenze ermöglicht es auch, Gedichte aufzunehmen, die den Mauerfall und die Wiedervereinigung zum Thema haben. Mit Adel Karasholi konnten sogar solche Randthemen wie Emigration Aufnahme in den Band finden. Eine (wenn auch die einzige) Prise Erotik bekommt der Band durch das pikante Gedicht „Die leuchtende Stunde: Elf nackte Frauen…“ von Uwe Klabunde.

Thematisch könnte man sich höchstens noch ein paar Gedichte zur „Republikflucht“ (kein einziges ist darüber nämlich im Band zu finden) oder zu international relevanten Themen wünschen. Außer einigen wenigen Gedichten zum Algerien- und Vietnamkrieg bieten die Herausgeber auch in dieser Hinsicht kaum etwas. Doch auch formell enthalten sie dem Leser einiges vor. Zwar wurde mit Uwe Warnkes „Dialektik“ aus dem Jahr 1989 ein Beispiel visueller Poesie aufgenommen, sonst wurde sie allerdings, obwohl in der DDR durchaus vorhanden, genauso wie die DDR-Mail Art nicht berücksichtigt, „weil deren Rubrizierung unter den Gattungsbegriff >Lyrik< der Bedeutung dieser künstlerischen Formationen nicht gerecht wird“, so die Herausgeber in einer Fußnote im Nachwort. Während sie also den DDR-Begriff bis zur Grenze des Vertretbaren weit fassen, scheinen sie den Begriff der Lyrik im Gegenteil etwas mehr als nötig zu verengen.

Nichtsdestotrotz hat der Leser bei dieser facettenreichen Auslese wenig Grund zur Klage. Neben berühmten Namen, solchen wie Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Johannes Bobrowski, Heiner Müller, Peter Hacks, finden sich in der Anthologie auch Verse ganz unbekannter oder erst in neuerer Zeit bekannt werdender Poeten, wie etwa Durs Grünbein oder Bert Papenfuß, die es für manche Leser noch zu entdecken gilt. Neben Gedichten von ausschließlich historischer Relevanz bietet der Band eine Menge über- und außerzeitlicher Verse, an denen kein Lyrik-Liebhaber gleichgültig vorbeikommen wird: von Hanns Cibulka, Stephan Hermlin, Peter Huchel, Karl Mickel, Günter Kunert, Reiner Kunze – um nur einige zu nennen. Auch sind die Dichter der Sächsischen Dichterschule, die um das Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ sowie den Lyriker Georg Mauer Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre entstand und die Lyrik der DDR maßgeblich prägte, mit allen ihren wichtigen Vertretern erstaunlich vollständig vertreten.

Zu rügen an dem Band wäre lediglich noch, dass die Herausgeber dessen Nutzung – etwa das nochmalige Reinschauen oder Suchen bestimmter Gedichte – zusätzlich dadurch erschweren, dass sie ihm zwar ein alphabetisches Verzeichnis der Autoren mit den dazugehörigen Seitenzahlen der Gedichte, aber kein veritables Inhaltsverzeichnis, das nach Seiten sortiert wäre, beigeben. Und die Anthologie ist ja ohnehin wegen der chronologischen und dann auch noch recht willkürlichen Anordnung der Texte für eine (Wieder-)Verwendung als Nachschlagewerk nur eingeschränkt geeignet. Die Jahre 1945 (Ende des Zweiten Weltkrieges), 1949 (Gründung der DDR), 1976 (Ausbürgerung Biermanns), 1989 (Mauerfall) mag man noch bestimmten thematischen Gruppen zuordnen können, aber wie orientiert man sich in den restlichen Jahren, die keine solchen geschichtsträchtigen Anhaltspunkte liefern? Ein Inhaltsverzeichnis könnte da sicher zumindest teilweise Abhilfe schaffen.

Im Ganzen bleibt aber „Lyrik der DDR“ eine spannende, vielfältige und als Lesebuch unbedingt zu empfehlende Gedichtsammlung, die einen guten ersten Einblick in die Lyrik um und in der DDR vermittelt – jenem Land, das Richard Leising in seinem Gedicht „Mein Frühjahr“ von 1967 äußerst pointiert als „dieses Land darin ich leben will / Aber muss“ apostrophiert hat. Überflüssig zu sagen, dass das Gedicht erst nach dem Mauerfall, nämlich 1990, publiziert wurde, auch wenn es im vorliegenden Band dem Jahre 1967 zugeordnet ist.

Heinz Ludwig Arnold / Hermann Korte (Hrsg.): Lyrik der DDR, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 24,95 Euro.

Evgenij Unker

Homepage des Rezensenten: www.unker.de

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