Die ideale Beziehung – “Das Sinngedicht” (”Don Correa”)

sinngedicht„Das Sinngedicht“, Kellers größter literarischer Erfolg, entstand seit den 1850ern Jahren und erschien erstmals 1881 in der Deutschen Rundschau. 1889 wurde die Sammlung, im Rahmen der „Gesammelten Werke“ Kellers, zusammen mit den „Sieben Legenden“ in einem Band veröffentlicht. „Das Sinngedicht“ besteht aus fünf Novellen, „Die arme Baronin“, „Regine“, „Die Geisterseher“, „Don Correa“ und „Die Berlocken“, welche durch eine Rahmenhandlung miteinander verknüpft sind.  Hauptthemen sind Liebe und Ehe sowie die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau. Dabei stellen die einzelnen Novellen beispielhafte Argumente für die Ausgangsfrage der Rahmenhandlung dar: Was nämlich die richtige Weise sei, einen Partner zu finden. Die Novellen können sowohl selbstständig als auch im Gesamtzusammenhang des Zyklus gelesen werden.

„Don Correa“

„Don Correa“ ist eine dieser fünf Novellen. Auch „Don Correa“ beginnt mit den Protagonisten der Rahmenhandlung, die in die Erzählungen um den portugiesischen Seefahrer Correa einleiten. Diese Erzählung wiederum lässt sich in den zwei Frauen einteilen, die Correa im jeweiligen Lebensabschnitt begleiten.

Im ersten Teil der Novelle ist es die reiche Witwe Donna Feniza, mit welcher der erfolgreiche Seeheld und Staatsmann Don Correa seine erste Ehe eingeht. Dieser Ehe voraus ging Correas Plan zu heiraten, welcher ihm vielmehr als Zeitvertreib denn als Sehnsucht nach einer Partnerin in den Sinn kam. Dennoch trieb der Wunsch, nicht um seines Geldes und Standes willen geliebt zu werden, Correa dazu, sich als armer Edelmann bei der zuvor heimlich auserkorenen Witwe einzuschleichen. Als diese dem vermeintlich Hilfsbedürftigen begegnet, nimmt sie sich des armen Mannes an und heiratet ihn, ohne seine wahre Identität zu kennen. Als Correa aber an seine Karriere anschließen und seine Frau mit einem neuen Auftrag überraschen will, kommt es zum tragischen Ende der Beziehung.

Nachdem Correa die Vorbereitungen getroffen hat, um als Vizeadmiral nach Brasilien zu segeln, kommt er zurück auf das Schloss, um seine Frau abzuholen und seine wahre Identität zu offenbaren. Doch er findet Donna Feniza mit einem fremden Mann an ihrer Seite und im Kreise ihrer Angestellten, die Correa zuvor entlassen hatte. Zudem empfängt Donna Feniza ihren Ehemann spöttisch und hochmütig. Als Correa sie dennoch auf sein Schiff nehmen will, schließt sie ihn im Turm ihres Schlosses ein, zündet diesen an und flieht samt ihres Personals. Nachdem Correa sich retten und die Flüchtigen gefangen genommen werden konnten, kommt in der Gerichtsverhandlung zu Tage, dass Donna Feniza mit Hilfe ihrer Angestellten bereits ihren ersten Mann ermordete und selbiges für Don Correa geplant hatte. Daraufhin werden sie und das beteiligte Personal zum Tode verurteilt.

Als Don Correa zehn Jahre später bei imperialistischen Unterwerfungsversuchen in Afrika einer schwarzen Sklavin begegnet, kommt es mit dieser zur zweiten Ehe. Correa sieht die junge Zambo das erste Mal, als sie, kniend auf dem Boden, für eine afrikanische Fürstin als Sitzgelegenheit fungiert. Correa, angetan von Schönheit und Anmut der Sklavin, erhält diese als Geschenk der Fürstin und lässt sie sogleich taufen, ohne dass Zambo seine Sprache oder die christlichen Rituale verstünde. Ein vermeintliches Wunder bei der Taufzeremonie weckt das Interesse der Jesuiten, welche Maria, wie die Getaufte nun heißt, für ihre Zwecke behalten wollen. Correa, der bereits Taufpate Marias war, verlobt sich mit ihr. Um sie in guter Lebensart und christlicher Sitte zu erziehen, schickt Correa seine Maria in ein brasilianisches Kloster. Als er sie nach einem Jahr abholen will, ist Maria jedoch verschwunden und Correa beginnt, sich große Vorwürfe zu machen. Als er erfährt, dass sich Maria in einem Kloster in der Pest verseuchten Stadt Cadix in Spanien aufhält, segelt er dorthin. Da wegen der Pest der Hafen jedoch verschlossen ist, schickt Correa einen Pagen, der durch eine List zu Maria ins Kloster gelangt und sie wissen lässt, dass Correa sie sucht. Maria war dorthin geflüchtet, um den Plan der Jesuiten, sie zur Heiligen zu machen, zu vereiteln. Nach der Botschaft des Pagen macht sich Maria auf den beschwerlichen Weg zu Correa. Dieser ist über ihre Rückkehr und ihre erlernte Fähigkeit, in seiner Sprache zu sprechen, überglücklich und heiratet sie. Da Maria sich aber noch immer für eine Sklavin hält, unterrichtet Correa sie über Freiheit, Ehre und Rechte einer christlichen Ehefrau.

Die Novelle endet mit einem Gespräch der beiden: „´Hat das Meer auch eine Seele und ist es auch frei?´ fragte die Frau. ´Nein,´ antwortete Don Correa, es gehorcht nur dem Schöpfer und den Winden, die sein Atem sind! Nun aber sage mir, Maria, wenn Du ehedem Deine Freiheit gekannt hättest, würdest du mir auch Deine Hand gereicht haben?´ ´Du frägst zu spät,´ erwiderte sie mit nicht unfeinem Lächeln; ´ich bin jetzt Dein und kann nicht anders, wie das Meer!´ Da sie aber sah, dass diese Antwort ihn nicht befriedigte, und nicht seiner Hoffnung entsprach, blickte sie ihm ernst und hochaufgerichtet in die Augen und gab ihm mit freier und sicherer Bewegung die rechte Hand.“ (1)

Don Correa führt zwei unterschiedliche und auf jeweils ihre Weise ganz außergewöhnliche Ehen. Vor allem die Wege, die zu den Ehen führen, sind bemerkenswert. Während Correa die erste Ehe aus Zeitvertreib und konventionellem Zwang anstrebt, geht er dennoch sehr planmäßig vor, wählt eine Frau aus und täuscht sie bezüglich seiner Identität. Da Donna Feniza aber keinen erfolgreichen, selbstständigen Mann wünscht, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt, als Correa die Täuschung beenden will. Doch auch Correa kennt nicht das wahre Ich seiner Frau. So ahnt er nichts von ihrer Beteiligung am Mord ihres ersten Mannes und rechnet nicht damit, dass sie auf seine Identitätsoffenbarung negativ reagieren könnte.

Im Gegensatz zu dieser unter unnatürlichen und unehrlichen Bedingungen entstandenen, gescheiterten Ehe, entspringt Correas Verbindung zu Zambo einem Zufall. Schönheit, Anmut und Liebreiz der Sklavin berühren Correa zutiefst und veranlassen ihn, Zambo durch Annahme seiner Kultur, Sprache und Religion zu einer potentiellen Ehefrau zu machen. Obwohl die Entscheidungen stets von Correa kommen und Zambo/Maria stets Objekt seiner Wünsche ist, begibt sie sich schlussendlich freiwillig und auf eigene Initiative zu Correa. Die Ehe ist von beiden gewollt, wobei das abschließende Gespräch zwischen Correa und Maria erkennen lässt, dass die durch Correa angeordnete Neuverwurzelung der ehemaligen Sklavin nicht mehr erlaubt zu fragen, wie ihre ursprüngliche Wahl ausgefallen wäre.

(1) Keller, Gottfried: Sämtliche Werke. Historisch–kritische Ausgabe. Band 7: Das Sinngedicht. Sieben Legenden. Frankfurt am Main 1998.

Weiterführende Literatur:
Amrein, Ursula: Augenkur und Brautschau. Zur diskursiven Logik der Geschlechterdifferenz in Gottfried Kellers „Sinnegedicht“. Bern 1994.
Brockhaus, Henrich: Kellers <Sinngedicht> im Spiegel seiner Binnenerzählungen. Bonn 1969.
Interpretationen Gottfried Keller. Romane und Erzählungen (Reclam). Stuttgart 2007.
Keller, Gottfried: Sämtliche Werke. Historisch–kritische Ausgabe. Band 7: Das Sinngedicht. Sieben Legenden. Frankfurt am Main 1998.

Insa Witte

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