Nein, nicht jeder Satz sitzt in dem Roman „Grenzgang“ von Stephan Thome. „So fickten sie. Um alles oder nichts.“ Bei solchen Sätzen schüttelt man den Kopf und denkt: Dieser Autor kann es besser. Sicher, die Ehe zwischen Kerstin und Jürgen ist gescheitert, die Luft und die Lust sind raus. Trotzdem: Dieser Autor kann es besser.Auch nicht jeder Witz in diesem Buch ist zu Höherem berufen. „Mit Grauburgunder“ werde sie auf ihre Freundin anstoßen, sagt Anita am Telefon zu Kerstin. „Wer ist Grauburgunder?“, fragt diese zurück. Der Autor scheint auch selbst manchmal an den Humor seiner Helden nicht ganz zu glauben. In solchen Fällen schiebt er eine Art Entschuldigung dazwischen, etwa: „dachte sie albern“.
All dies hätte ein Autor eigentlich nicht nötig, der dem Leser mit einfachen, meist kurzen Sätzen und unspektakulärem Vokabular ganze Innenlandschaften eröffnen kann und dessen Sprache mitunter von solcher poetischer und gedanklicher Dichte ist, dass sie einem Lyriker oder Aphoristiker zur Ehre gereichen würde. „Neid – die große dunkle Wolke, aus der ununterbrochen saurer Regen fällt.“ Dem Autor solcher Sätze verzeiht man schon manche Plattheit und Pseudo- oder Binsenweisheit, die sich in die Zeilen seines Romans gelegentlich einschleichen. Auch in Sachen Humor hat dieser Autor durchaus etwas zu sagen, obwohl man sich schon bisweilen mehr feine Ironie, als auf den schnellen Effekt zielenden Stammtischhumor wünschen würde. Dazu ist er fähig, er beweist es in seinem Roman immer wieder. Oder will der Autor damit sagen, so flach und banal sei schließlich die deutsche Provinz?
Mit „Grenzgang“ gelingt Thome jedenfalls ein lebendiges und äußerst bildliches Porträt eines prototypischen provinziellen hessischen Städtchens, im Roman „Bergenstadt“ genannt. Eine große Anzahl seiner Bewohner wird mit viel Liebe und Akribie geschildert, doch zwei Außenseiter stehen im Fokus: Kerstin Werner, die mal in Köln Tanz studiert hat, und Thomas Weidmann, der gescheiterte Akademiker aus Berlin. Beide hängen ihre Großstadtträume teils aus objektiven, teils aus subjektiven Gründen an den Nagel und versuchen sich nun mehr schlecht als recht in ihr provinzielles Schicksal einzuleben. Der Erzähler wechselt immer wieder die Perspektive und zeigt abwechselnd Kerstin und Thomas in ihren beruflichen und persönlichen Situationen jeweils zu unterschiedlichen Zeiten. Manchmal bedauert man sogar, dass dies buchstäblich in Siebenmeilenschritten mit vielen recht schnellen Zeitsprüngen geschieht, so gerne würde man noch ein wenig in dem jeweiligen Moment verbleiben und dem bildreichen, empathischen Fluss von Stephan Thomes Prosa lauschen.
Der Autor weist sich nämlich sofort als Meister des langsamen Entschleierns und des vielsagenden Verschweigens aus. Die vielen Personen des Romans bekommen erst nach und nach ein konkretes Gesicht, ihre Beziehungen untereinander werden sehr langsam, Schicht für Schicht, offengelegt, wodurch der Leser immer in dankbarer Spannung verbleibt. Schon der Aufbau des Romans ist so geschickt komponiert, dass das Sujet häppchenweise präsentiert wird, in drei Teilen, 13 Kapiteln und noch mehr Unterkapiteln, mit Rückblenden und kinoartigem, sprunghaftem Szenenwechsel. Dabei werden die Jahre zwischen 1985 und 2013 im Siebenjahresrhythmus – aber keineswegs in chronologischer Reihenfolge – geschildert. Genauer: Geschildert werden immer die drei Tage des „Grenzgangs“, eines traditionellen Festes, das übrigens in Stephan Thomes hessischem Heimatort Biedenkopf tatsächlich alle sieben Jahre gefeiert wird und bei dem die Grenzen des Ortes unter allerlei Zeremonien feierlich abgegangen werden.
Eben dieser Siebenjahresrhythmus hat zwar zur Folge, dass der Leser gewissermaßen weitergejagt wird, wo er am liebsten innehalten würde. Und umgekehrt, manchen Szenen scheint der Autor auf der reinen Handlungsebene vielleicht mehr Spannung zuzusprechen, als sie hergeben, und sie deswegen sprachlich etwas weniger intensiv ausgefeilt zu haben. Doch kaum beginnt das Gefühl den Leser zu beschleichen, der Text verfranze sich in drehbuchartigen Handlungsbeschreibungen, bannt der Autor wieder dessen Aufmerksamkeit durch seine metaphorische, bildhafte Sprache, ein gelungenes Aperçu oder beeindruckt ihn durch die Tiefe und Intensität des zwischen den Zeilen Gesagten. Wie fein und gleichzeitig dramaturgisch konzentriert sind doch manche Dialoge, wie treffsicher und einnehmend die Beschreibung des Zwischenmenschlichen! Etwa Kerstins Verhältnis zu ihrem pubertierenden Sohn, zu ihrer demenzkranken Mutter oder die sich anbahnende Freundschaft mit Frau Preiss, der vielleicht ein bisschen zu liebenswürdigen Nachbarin. Wie einfühlsam ist schließlich das Scheitern von Thomas Weidmanns akademischer Karriere als Historiker und auch die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin geschildert und dann sein Wiederanfang als Gymnasiallehrer in Bergenstadt. Und natürlich, wie es sich für eine Kleinstadt gehört, muss sich bald herausstellen, dass ausgerechnet er der Klassenlehrer von Kerstins sechszehnjährigem renitenten Sohn ist …
Angesichts von so viel Spannung, so vieler starker Szenen, von so viel sprachlicher Prägnanz drückt man gern ein Auge zu, überliest manche klischeehafte Schilderung, den einen oder anderen zu kurz gedachten Spruch. Zumal wenn man bedenkt, dass dieser Roman ein literarisches Debüt ist. Der 1972 im hessischen Biedenkopf geborene Autor, dem sein Heimatort wohl für „Bergenstadt“ Modell gestanden haben dürfte, legt mit „Grenzgang“ seinen ersten und von der Kritik bereits ausgiebig gefeierten Roman vor. Dass dieser Roman es sofort in die Endrunde – die Shortlist – des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat, mag man noch als ein geringes Kompliment ansehen. Dass dieser Roman aber ein unvergessliches Lesevergnügen bereitet und Vorfreude auf weitere Texte von Stephan Thome macht, bleibt sein unbestreitbares Verdienst.
Stephan Thome: „Grenzgang“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 22,80 €.
Evgenij Unker – Homepage des Rezensenten: www.unker.de.
Kommentar-Feed für diesen Beitrag
Trackback-Link
http://www.blogs.uni-osnabrueck.de/tstegema/archives/389/trackback