“Hadlaub” – Eine Novelle zwischen Fiktion und historischer Realität

manesseHadlaub ist einer von fünf Texten in Gottfried Kellers Novellenzyklus „Züricher Novellen“. Geschrieben wurde er 1878 und erzählt eine Geschichte, die mehr als 600 Jahre vor der Entstehung der Novelle spielt, nämlich „zur Zeit Rudolphs von Habsburg“ (1). So befinden wir uns in der Mitte des 13. Jahrhunderts und in der Nähe von Zürich. Es geht zunächst um zwei Schwestern.Kunigunde wohnt auf Schloss Schwarz-Wasserstelz, Mechtildis auf Schloss Weiß-Wasserstelz. Kunigunde empfängt auf ihrem Schloss regelmäßig Herrenbesuch und bald nehmen Nachbarn aus dem Schloss Kinderschreie wahr. Die Quintessenz dieser unehelichen Liaison: der vermeintliche Vater, Heinrich von Klingenberg, wird Bischof von Konstanz, die Mutter, Kunigunde, geht ins Kloster und wird Fürstabtässin der Abtei in Zürich – und das Kind? Ja, das Kind ist ein Mädchen mit dem Namen Fides und wächst bei Zieheltern auf, im Haus des damals wohlbekannten Rüdiger von Manesse (2).
Dort klärt sich dann auch endlich der Titel der Novelle. Hadlaub ist nämlich ein „blondgelockter, feiner Jüngling“ (3), der einer Bauernfamilie entstammt, aber in der Stadt aufgewachsen ist. Im Haus des Manesse ist der junge Johannes Hadlaub (4) ein gern gesehener Gast, weil er eine Begabung zum Minnesang hat. Bei seinen Besuchen verliebt er sich bald in Fides, die Ziehtochter im Haus Manesse. Wenn Hadlaub seine Minnelieder singt und spielt, ist sie es, welcher der Liebesdienst gilt. Ihr lässt er auch heimlich, zum Beispiel wenn Fides zur Messe geht, seine Verse zukommen. Eines Tages beauftragt Rüdiger von Manesse Hadlaub, ein Buch zu schreiben, in dem er alle Minnelieder, die gesungen werden, zusammenfasst, damit sie nicht „mit den sterbenden Menschen zu Grabe gehen“ (5). Hadlaub verfasst die so genannte “Manessische Liederhandschrift” (6). Als er nach einer langen Reise heimkehrt, kann er Fides endlich für sich gewinnen. Die ehemals getrennten Schlösser Schwarz- und Weiß-Wasserstelz werden wieder zu einem Gut zusammengefasst und von der anfangs erwähnten Schwester Mechtildis sowie ihrem Mann bewohnt und Fides und Hadlaub leben als Ehepaar bis an ihr Ende als Bürgerleute in der Stadt – eine ungewöhnliche Geschichte.

Keller schildert fiktional, aber mit historischen Fakten, die Entstehung der „Manessischen Liederhandschrift“, indem er die Lebens- und Liebesgeschichte des Johannes Hadlaub erzählt. Der fiktive Hadlaub erlernt in der Stadt die Muster des Minnesangs und beherrscht sie nach kurzer Zeit in solch hohem Maße, dass er im Manessekreis gerne gesehen ist. Aber Hadlaub, der Bauernsohn, kann seiner ländlichen Herkunft nicht entrinnen und ist wie jedes Laub grün – ein Naturbursche (7). Er sprüht vor Lebensfreude und Temperament und verlagert diese jugendliche Lebhaftigkeit in seine Minnedichtung. Damit verstößt er gegen die Regeln des Minnesangs. Er verliebt sich in sein Minneweib Fides und begehrt, mit ihr zusammen zu sein und sie zu heiraten. Dieser Wunsch war bei adligen Minnesängern völlig unüblich. Einer durch Minnelieder angebeteten Frau gehörte niemals wirklich das Herz des Dichters. Sie war lediglich Mittel zum Zweck, nämlich Mittel „zur Selbststilisierung des Minnenden zum vorbildlichen Ritter“ (8). Aber bei Hadlaub, dem Bauernjungen, ist das anders. Er liebt Fides, doch diese zeigt ihm zunächst die kalte Schulter, obwohl der Leser in einigen Szenen der Begegnung zwischen Fides und Hadlaub auch eine von Fides ausgehende Sympathie spüren kann. Fides aber ist in den Konventionen gefangen. Statt die ihr zugespielten Lieder für sich zu behalten und sich auf diese Weise heimlich mit Hadlaub zu verbinden, händigt sie die Briefe ihrer Ziehmutter aus, die es nicht für standesgemäß hält, wenn Hadlaub ihrer Ziehtochter den Hof macht. Andere Minneverse Hadlaubs übergibt Fides ihrem Ziehvater Rüdiger Manesse, der sie sammelt, um die „Manessische Liederhandschrift“ auch mit Hadlaubs Minneliedern zu komplettieren. Manesse verfolgt damit keine böse Absicht. Für ihn ist Minne zweckgebunden und so ahnt er nicht, dass die Briefe Hadlaub sowie auch Fides etwas bedeuten könnten. Er plant mit der Sammlung lediglich eine Überraschung für den fleißigen Liedersammler.

Als die fertige Liederhandschrift dann vorgestellt wird und Rüdiger Manesse letztlich auch die Minnelieder von Hadlaub präsentiert, muss Fides ihrem Dichter ein Geschenk überreichen. Was für alle Anwesenden lediglich Tradition ist und nur dem Ritterstand zur Ehre dient, ist für Fides und Hadlaub eine peinliche Tortur, da beide sich wirklich lieben. Auf seiner darauf folgenden Reise minnt Hadlaub weiterhin sehnsuchtsvoll für Fides. Als er aber wieder in die Heimat kommt, verstummt er in seiner eigenen Dichtung. Der Grund: Er hat Kürenberger kennen gelernt, einen alten Mann, der ihm nach seinem Tod seine Handschriften mit altertümlicher und einfacher Lieddichtung hinterlassen hat. Fides kann er letztlich durch ein Lied Kürenbergers gewinnen. Damit wird Hadlaub zur Epigone, verlässt seine eigene Minnedichtung für die Nachahmung klassischer Erlebnisdichtung. So ähnlich hatte es auch Keller selbst erfahren. Er kehrte von Jean Paul und der Romantik zur Klassik Goethes zurück, suchte darin Naturlaut und Erlebnisaussprache. Letzteres erkennt der herangereifte Hadlaub bei Kürenberger. Im Rückgang auf das Kürenberger Liedgut findet Hadlaub nun das, was für ihn zeit- und personengemäß ist (9). Anstatt unter den erlernten Mustern des Minnesangs seine wahre Leidenschaft für die Liebe und das Leben auszudrücken, zitiert er Kürenbergers Lied, und meint, es sei „tausendmal besser und schöner und alle Sehnsucht und alles Weh enthält, die in mir sind, als alle meine Lieder und Leiche“ (10).

Der als Bauernsohn Geborene kehrt damit im dichterischen Sinn wieder zurück in die Heimat, in das Ländliche, Einfache, Natürliche. Jedoch kann er nur zitieren, bleibt Epigone, eigene Poesie erschafft er nicht mehr, vielleicht, weil ihm die Heimat doch zu fremd geworden ist. Auch die letzten Zeilen der Novelle deuten auf diesen „Heimatverlust“ hin, wenn der Erzähler berichtet, dass Hadlaub und Fides bis an ihr Lebensende als Bürgersleute in der Stadt leben. Damit hat der Novellenschluss und von ihm aus betrachtet auch die gesamte Novelle einen bitteren Beigeschmack – wie so oft bei Keller.

(1) Gottfried Keller: Züricher Novellen. In: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u.a., Bd. 5. Frankfurt/Main 1989, S. 27.
(2) Rüdiger von Mannesse: Er entstammte dem Adelsgeschlecht Manesse, das über zwei Jahrhunderte lang im Rat von Zürich vertreten war. Rüdiger Manesse, der wohl bekannteste Vertreter des Geschlechts, war über vierzig Jahre Ratsherr in Zürich. Zunächst als Bürger, ab 1268 dann als Ritter. Rüdiger von Manesse sammelte Minnelieder. Das machte ihn so bekannt, dass er selbst heute, mehr als 700 Jahre nach seinem Tod noch nicht vergessen ist.
(3) Gottfried Keller: Züricher Novellen. In: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u.a., Bd. 5. Frankfurt/Main 1989, S. 37.
(4) Johannes Hadlaub: Über die historische Figur Johannes Hadlaub ist wenig überliefert. Bekannt ist jedoch zumindest, dass er ein Minnesänger des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts war. Zudem wird davon ausgegangen, dass er die „Manessische Liederhandschrift“ verfasst hat.
(5) Gottfried Keller: Züricher Novellen. In: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u.a., Bd. 5. Frankfurt/Main 1989, S. 47.
(6) Manessische Liederhandschrift: Sie wurde kurz nach 1300 in Zürich angefertigt und ist die wohl bedeutendste Sammlung von Minneliedern. Da nicht nachweisbar ist, dass Rüdiger von Manesse die Handschrift in Auftrag gab, ist ihr Name umstritten. Neben „Manessische Liederhandschrift“ und „Codex Manesse“ wird sie daher auch oft, besonders in der Forschung, als „Große Heidelberger Liederhandschrift“ oder „Handschrift C“ bezeichnet. Lieder von 140 Minnesängern sind darin aufgenommen. Farbige Zeichnungen stellen die Sänger dar. Die insgesamt 137 Miniaturen stammen von mindestens vier verschiedenen Malern.
(7) vgl. Erhard Kaiser: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben. Frankfurt/Main 1981, S. 441.
(8) ebd., S. 442.
(9) ebd., S. 447.
(10)  Gottfried Keller: Züricher Novellen. In: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Hrsg. von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u.a., Bd. 5. Frankfurt/Main 1989, S. 101.

Bildquellen: http://de.wikipedia.org
abgerufen: 29.10.2009, 13:09

Kora Blanken

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