“Spiegel, das Kätzchen” – Ein Märchen von Katern, Hexenmeistern und verhängnisvollen Verträgen

spiegel-kaetzchenDas Märchen „Spiegel, das Kätzchen.“ erschien im Jahr 1856 im ersten von Teil Gottfried Kellers Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“. Es ist der fünfte und letzte Text des ersten Teils und folgt auf „Die drei gerechten Kammacher“.In der Novelle gibt es keine Unterteilung in Kapitel; etwa drei Viertel des Textes berichten von dem Schicksal des Protagonisten, ein Viertel besteht aus der Geschichte, die er selbst erzählt.

Die Novelle handelt von dem Kater Spiegel, der ein beschauliches, ruhiges Katerleben führt, bis seine Besitzerin stirbt und er sich auf der Straße wieder findet. Das raue Leben dort bekommt ihm nicht; er ist fast zu Tode abgemagert, als er auf den Stadthexenmeister Pineiß trifft. Mit ihm geht der Kater einen fatalen Handel ein: Spiegel wird einen Monat von dem Hexenmeister königlich bedient und versorgt, dafür darf Pineiß ihn nach dieser Zeit töten und sein Fett auskochen.
Doch sobald Spiegel wieder in körperlicher Hochform ist, kehrt seine Vernunft zurück. Er merkt, was er für einen Handel geschlossen hat und versucht zu entkommen. Er erzählt um sein Leben. Mit Hilfe seiner Schläue, einer erfundenen Geschichte und einer Hexe überlistet er den Hexenmeister. Pineiß manövriert sich schließlich durch seinen Handel mit dem Kater in eine sehr unangenehme Situation.

Keller schrieb in einem Brief 1875 an F. T. Vischer zur Entstehungsgeschichte:

„Dieses Märchen ist stofflich ganz erfunden und hat keine andere Unterlage, als das Sprichwort ‚Der Katze den Schmer abkaufen’, welches meine Mutter von einem unvorteilhaften Einkaufe auf dem Markte zu brauchen pflegte. Wo das Sprüchlein herkam, wußte weder sie noch ich, und ich habe die Komposition darüber ohne alles Vorgelesene oder Vorgehörte gemacht.“ (1)

Vergleicht man in diesem Werk Kellers die Figur „Spiegel“ mit den Selwylern, bietet sich vor allem die „Schnepfengarn- Szene“ an. Hier werden die Bewohner des schweizerischen Städtchens sehr anschaulich beschrieben.
Um die Hexe zu fangen, braucht Spiegel ein bestimmtes Netz, mit dem normalerweise Schnepfen gefangen werden. Dieses muss von einem zwanzigjährigen Mann geknüpft sein, der noch nie eine Frau angesehen hat und dreimal muss es wegen einer guten Tat fallengelassen worden sein. In dieser Szene wird einleuchtend beschrieben, dass die Seldwyler nur dann eine gute Tat begehen, wenn gerade keine schlechte möglich ist. Dagegen steht Spiegels auf den ersten Blick durchweg positiver Charakter.
Solange er bei seiner Besitzerin ist, wird er als philosophischer Lebenskünstler beschrieben, der sein Dasein voll auskostet und doch immer das Maß hält, der sogar bei seinem einzigen Laster, dem Mäusefangen, „Vernunft und Mäßigung“ (2) walten lässt. Doch dieses angenehme und vorbildliche Verhalten verfliegt, sobald er auf der Straße landet und sein gesichertes Umfeld verlassen muss. Die Straße macht aus ihm eine andere Person, er wird „gierig, kriechend und feig’“ (3), alles Eigenschaften, die vorher bei ihm nicht erwähnt wurden.

Diese Gemütsschwankungen werden besonders dadurch betont, dass sein wacher Geist zurückkehrt, sobald seine Grundbedürfnisse befriedigt sind. Den Vergleich zu den Seldwylern findet man indirekt auch in der Anordnung der Texte im Novellenzyklus. Die Geschichte um Spiegel folgt, wie oben schon erwähnt, auf „Die drei gerechten Kammacher“.
Die drei Protagonisten dieser Novelle sind so leer von Leben und so nichts sagend, wie Spiegel lebenslustig und genießerisch ist. Dabei ist Spiegel ein Tier mit menschlichen Zügen und die Kammacher Menschen, die aber mit Tieren verglichen werden, z.B., dass einer „wie ein Esel“ (4) aussähe oder dass die Bettdecke auf ihnen läge, „wie Papier auf drei Heringen“ (5). In Gegenüberstellung mit den Seldwylern schneidet Spiegel, trotz seines wankelmütigen Charakters, durchaus positiv ab.

Nicht nur in der Überschrift wird „Spiegel, das Kätzchen“ als Märchen bezeichnet, es finden sich einige Elemente des Hausmärchens hier wieder. So zum Beispiel die Märchenästhetik. In einem Märchen stimmt Äußeres mit Innerem überein, so ist die böse Hexe meist hässlich und der Held meist schön. Auffällig ist das hier besonders bei Spiegel, bei dem ein gepflegtes Äußeres mit einem harmonischen Charakter einhergeht.
Dass dieser Kater spricht und sogar einen Vertrag mit einem Hexenmeister unterschreibt, scheint niemanden zu wundern. Das ist ein weiteres Märchenelement, das Wundersame wird als selbstverständlich hingenommen; in einem Märchen wundern sich die Protagonisten nicht, wenn sie Hilfe von magisch anmutenden Wesen wie Zwergen oder Feen bekommen.
Auch, dass Spiegel es schafft, am Ende zu entkommen, ist ein solches Element. So gut wie alle Märchen gehen nach einem letzten tragischen Höhepunkt gut aus. Spiegel hat buchstäblich die Klinge des Hexenmeisters an der Kehle, als ihm die rettende Geschichte einfällt. Gekrönt wird all das von der Schnepfengarnszene, die ein weiteres Mal den Märchenaspekt hervorhebt: So wie Spiegels Verbündete, die Eule, es erklärt, ist dieses Netz eigentlich unmöglich zu finden, und wenn, wäre es der Theorie nach ein sehr reiner Gegenstand: Von einem unschuldigen Jüngling geknüpft, durch drei gute Taten wurden die Schnepfen doch nicht gefangen. Aber die Eule weiß auch schon genau, wo sie dieses Garn findet und es ist nicht so viel Magie daran, wie eventuell erwartet: Der Jüngling sah nur deshalb keine Frau an, weil er blind war und die guten Taten wurden nicht freiwillig vollbracht. Damit wirkt die „Schnepfengarn- Szene“ wie eine Persiflage magischer Gegenstände, die in einem Märchen vorkommen.

Eine moderne Adaption dieses Märchens erschien im Jahr 2007. „Der Schrecksenmeister“ von Walter Moers erzählt die gleiche Grundgeschichte, ist aber fast um ein zehnfaches länger als das Original. Dieser Roman ist in das Genre der Fantasy zu zählen und hat deutlich mehr Nebenhandlungen als „Spiegel, das Kätzchen“. Doch das Motiv eines verhängnisvollen Handels, aus dem es zu entkommen gilt, bleibt erkennbar und wenig verändert, auch wenn die Hauptfiguren hier nicht Spiegel und Pineiß, sondern Echo und Eißpin heißen.

(1) Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla. Text und Kommentar. Deutscher Klassiker Verlag, 2006, S. 633
(2) Keller, Gottfried: Sämtliche Werke: Historisch kritische Ausgabe. Hrsg. unter der Leitung von Walter Morgenthaler im Auftr. der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried-Keller-Ausgabe, Basel, Stroemfeld 1996, Band 4, S. 266, Z.15
(3) ebd. S. 269, Z. 26
(4) ebd. S. 226, Z. 10
(5) ebd. S. 227, Z.  4

Primärliteratur:

Keller, Gottfried: Sämtliche Werke: Historisch kritische Ausgabe. Hrsg. unter der Leitung von Walter Morgenthaler im Auftr. der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried-Keller-Ausgabe, Basel, Stroemfeld 1996, Band 4
Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla. Text und Kommentar. Deutscher Klassiker Verlag, 2006

Sekundärliteratur:

Kittstein, Ulrich: Gottfried Keller. Reclam, Stuttgart 2008
Klotz, Volker: : Das europäische Kunstmärchen : fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. Fink, München 2002
Pöge-Alder, Kathrin: Märchenforschung : Theorien, Methoden, Interpretationen. Narr, Tübingen 2007

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org
am 23.10.2009, 17:45

Silke Brüggemann

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