„Romeo und Julia auf dem Dorfe“ – oder Shakespeare im Landhausstil

ruj-dorfe„Romeo und Julia“. Ein Titel, der abgesehen von dem Zusatz „auf dem Dorfe“ keine inhaltlichen Fragen aufwerfen sollte. Auch auf Kellers Erzählung trifft dies zu! Es geht auch hier um nichts anderes. Eine unglückliche Liebe zweier junger Menschen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Eltern der Liebenden im Streit leben. Das Besondere wird „auf dem Dorfe“ gefunden.In dieser topographischen Tatsache liegt bei näherer Betrachtung neben der Ursache des Hasses zwischen den bäuerlichen Vätern auch ein Grund für den Tod der Liebenden. Die Streitigkeiten ergaben sich – wie soll es auch anders sein in einer Zeit des Aufschwungs – aus rein wirtschaftlichen Interessen. Ein herrenloser Acker wurde von beiden anfänglich befreundeten Bauern zu Gunsten des eigenen Besitzes bearbeitet. Doch nur ein Bauer konnte das Land auch rechtlich erstehen. Damit begann der Streit und gewann zunehmend an Gewicht, da beide im Verlauf dem Prinzip der Sturheit folgten, anstatt sich der Einsicht zu bedienen. Es vergingen Jahre und die befreundeten Kinder wuchsen zu jungen Erwachsenen heran, die sich bei einem Wiedersehen nach langer Zeit ineinander verliebten. Das Leben beider Kinder war bis zu dieser Zeit bereits geprägt und enthielt Spuren und Folgen des Elternstreites. Dieser Aspekt bedingt auch, dass das Liebespaar nicht im Glück endet und der gemeinsame Tod den einzigen Ausweg bietet.

Versucht man nun die Novelle zu interpretieren, lassen sich mehrere Ansätze für die Herangehensweise finden. Ein Aspekt kann im Laufe der Erzählung immer wieder aufgegriffen werden. Betont wird dieser durch wiederholt aufgezeigte Symbole, die einschlägige Assoziationen in den Vordergrund stellen und dem Motto „Verwilderung“ zuzuordnen sind. Die Erzählung ist geprägt von Symbolen, die etwas Wildem bzw. Verwildertem zugerechnet werden können. Die begriffliche Einordnung und Unterscheidung dieser Lexeme ist für eine Interpretation sinnvoll. „Wild“ ist in dem Sinne ein Zustand, der ursprünglich ist. Ein Tier ist wild, wenn es in der Freiheit aufgewachsen ist. Im Gegensatz dazu ist die „Verwilderung“ ein Zustand, der erst dann erreicht werden kann, wenn er aus einem unwilden Zustand einhergeht. Ein Beispiel für die Anwendung in Kellers Novelle:
Der herrenlose Acker: Erst war dieser unter wirtschaftlicher Nutzung ein ansehnliches Feld, auf dem ein früherer Bauer gute Ernte erzielen konnte. Nach und nach ist er dann jedoch durch Vernachlässigung verwildert und verwuchert wie unbewirtschaftetes Land. Die Verwilderung war das Ergebnis natürlicher Prozesse. Damit lässt sich ein Motiv herleiten, das in der Symbolik des Ackers eine Dynamik erfährt:

Wiese = Natur/Wild
Acker = kultivierte Natur/Bewirtschaftung durch Gesellschaft
herrenloser Acker = Verwilderung

Die Verwilderung des Ackers wird bestimmt durch die Kultur der Wirtschaft, denn das Land muss vorher bewirtschaftet worden sein, um dann in Folge der Vernachlässigung zu verwildern. Von der Natur zur Kultur. Ein Prozess, der demnach eine Verwilderung hervorruft und auch erst dann erfolgt, wenn die Kultur vorherrschend war. Dieser Zusammenhang kann in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ noch an anderen Beispielen aufgezeigt werden.
Etwa bei der Auswahl des fiktiven Ortes, im Hinblick auf die dörflich-bäuerliche Lebensweise der Bewohner. Das Dorf Seldwyla vereint sowohl Elemente des Landlebens, die der kultivierten Natur durch das Bauernleben zuzuschreiben sind, als auch Elemente, die das Leben in der Stadt kennzeichnen. Der schwarze Geiger, ein heimatloses und von der Gesellschaft verstoßenes Opfer lebt im Wald und somit (wieder) in der Natur. Er ist verwildert, nachdem ihn die kultivierte Dorfgemeinschaft verstoßen hat. Motive, die sich mit denen des Ackers vergleichen lassen.

Dorfbewohner = Kultur
Bauernleben = kultivierte Natur
heimatloser Geiger = Natur/Wild

Die Motive variieren je nach Symbol in der strukturellen Zuordnung zur Natur bzw. Kultur, dennoch können konträre Gegenüberstellungen von natürlichen und kultivierten Elemente in der Novelle erfolgen.
Zuletzt noch der symbolische „Stein“, der das Motto Kultur vs. Natur aufzeigen kann. Der Stein als Produkt der Natur kennzeichnet einen übergebliebenen Rest Natur auf dem Acker der Bauern. Manz und Marti, die Väter der Kinder, haben eben solche natürlich liegenden Steine zu Haufen von ihren Feldern gesammelt, um ihre Bewirtschaftung des Landes besser durchführen zu können. Die Äcker wurden damit kultivierte Natur, indem die wilde Natur mit dem Fortsammeln der Steine symbolisch entfernt wurde. Zusätzlich schlug Sali dem Vater von Vrenchen mit einem Stein auf den Kopf. Dies geschah durch eine Wildheit des verliebten Sali und verwilderte den mit Hass erfüllten Vater, indem dieser seinen Verstand verlor. Der Überfall war die Folge der Kultur. Zum Einen, da durch das Bewusstsein für Wirtschaft in der Kultur ein Streit um wirtschaftliche Ressourcen entfachte und dadurch der wirtschaftliche und soziale Untergang beider Bauern resultierte. Zum Anderen wird dadurch erst die Liebe der Kinder unmöglich, was die Ursache für Salis Wutanfall und den Steinschlag ist.

Abschließend können die Protagonisten hinzugezogen werden, deren Handeln durch die typischen Charaktere bestimmt ist. Das Pärchen ist sehr an bürgerlichen Werten interessiert und das bestimmt auch den letzten Tag des Liebespaares. Sie ziehen sich feine Kleidung an, sie gehen aus und sie tanzen als wäre das die einzige Sitte, die sich für ein Liebespaar in der feinen Gesellschaft gehört. Sie benehmen sich kultiviert, obwohl sie an den gesellschaftlichen Zwängen am Ende zugrunde gehen. Die Modernität und die kultivierte Gesellschaft würde ein Liebespaar von Salis und Vrenchens Stand nicht dulden.
Gründe für die zentralen Konflikte in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ sind im sozialgeschichtlichen Kontext zu suchen. In der Novelle wird beschrieben, „welche Rückwirkungen die städtische Moderne (Kultur) auf die ländliche Ständegesellschaft (Natur) zeitigt“ (1).

(1) s. Neumann, Bernd: Gottfried Keller: eine Einführung in sein Werk. Athenäum-Verlag Königsstein, 1982: S. 119 f.

Bild: www.wikipedia.org

Katrin Müller

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