„Die Leute von Seldwyla“ und der Wirtschaftsboom im 19. Jahrhundert

seldwylaGottfried Kellers „Leute von Seldwyla“ sind in dem gleichnamigen Novellenzyklus die Bewohner eines kleinen fiktiven Städtchens namens Seldwyla irgendwo in der Schweiz. Zehn Erzählungen über die Menschen, die in dem „wonnigen und sonnigen Ort“ leben, verfasste Keller in zwei Bänden (1). Der erste Band entstand nahezu rasant 1856. Der zweite Band folgte knapp 20 Jahre später, nämlich 1875, und beinhaltet – genau wie der erste Band auch – fünf „Lebensbilder“.

Jedes für sich ist zunächst eine in sich geschlossene Erzählung und auch in weiteren dafür charakteristischen Merkmalen entspricht ihr Gattungstypus dem der Novelle. Die Vorreden der jeweiligen Bände kündigen Details über die Bewohner des Städtchens Seldwyla und über das typische Seldwyla’sche Leben an und bieten hinsichtlich einer Allgemeingültigkeit aller Lebensbilder eine erste Orientierung für den Leser. Inhalt und Besonderheiten der jeweiligen Novellen werden somit nicht vorweg genommen. Im ersten Band sind dies „Pankraz, der Schmoller“; „Frau Regel Amrain und ihr Jüngs-ter“; „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (in späteren Fassungen an zweiter Stelle); „Die drei gerechten Kammacher“ und „Spiegel, das Kätzchen“. Der zweite Band beinhaltet die Erzäh-lungen „Kleider machen Leute“; „Der Schmied seines Glückes“; „Die mißbrauchten Liebes-briefe“; „Dietegen“ und „Das verlorene Lachen“.

Sozialgeschichtliche Entwicklungen und politische Umbrüche der zeitgenössischen Hintergründe spiegeln sich in der zyklischen Anordnung der Erzählungen wieder (2). Der gegenwärtige und sich ausbreitende Finanzkapitalismus, der wirtschaftliche Umschwung und die Industrialisierung können im Hinblick auf die Verwandlung der Städtebewohner Seldwylas zunehmende Beachtung erfahren (3). Das Seldwyla aus dem ersten Band wird zum „neuen“ Seldwyla, das in der Vorrede des zweiten Bandes eingeleitet wird. Dem Leser bleibt schlussendlich die Frage, ob diese Entwicklung ein Gewinn oder ein Verlust für die Gesellschaft bedeutet. Die aufkommende Modernität der Welt bedingt nicht zuletzt auch das Verhalten der handelnden Personen und rückt die Opfer dieses Wandlungsprozesses in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit den Erzählungen.

(1) s. Keller; Gottfried (1956): Die Leute von Seldwyla. Band 1. Vorrede.
(2) vgl. Neumann, Bernd: Gottfried Keller: Eine Einführung in sein Werk. Athenäum-Verlag Königsstein, 1982: S. 119 f.
(3) vgl. Kittstein, Ulrich: Gottfried Keller. Reclam-Verlag Stuttgart, 2008: S. 98 f.

Katrin Müller

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