„An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist.“ (1) So beginnt die wohl bekannteste Keller-Novelle „Kleider machen Leute“ aus dem Jahre 1874, welche im 2. Band des Novellenzyklus „Die Leute von Seldwyla“ erschienen ist.Sie wird als Gegenstück zu der Novelle „Pankraz der Schmoller“ betrachtet, welche den ersten Teil des Seldwyla-Zyklus einleitet. Es handelt sich um einen Text mittleren Umfangs, der nicht in Kapitel unterteilt ist, sich aber trotzdem in Sinnabschnitte bzw. Einzelepisoden gliedern lässt. In der Novelle gibt es zwei Handlungsstränge, die ineinander greifen. Die Verwirrung um den vermeintlichen Grafen und die Liebesgeschichte zwischen Wenzel und Nettchen, der Tochter des Amtsrates.
Die Novelle erzählt von der Verwechslung des armen Schneiders Wenzel Strapinski mit einem reichen polnischen Grafen. Diese Verwechslung geschieht jedoch nicht plötzlich, sondern wird durch viele verschiedene Faktoren beeinflusst: durch die selbsttätigen Lügen Wenzels, aber auch durch sein Umfeld.
Das wesentliche Motiv in Kellers „Kleider machen Leute“ ist der Gegensatz zwischen Schein und Sein, der sich durch die gesamte Erzählung wie ein roter Faden zieht. Wenzel, der zu Anfang der Geschichte aus der Kutsche steigt und nichts anderes besitzt als das, was er an seinem Leib trägt, wird von den Goldachern als reicher polnischer Graf akzeptiert, weil er sich wie ein Aristokrat ruhig und verhalten gibt. Er trägt sein schwarzes Sonntagskleid und sieht durch seine langen Haare und sein vornehmes Schnurrbärtchen gepflegt aus. Sein Aussehen verleiht ihm eine gewisse Unerreichbarkeit und außerdem etwas Edles und Romantisches. Betrachtet man in Gegensatz dazu sein „Sein“ wird der Unterschied sehr schnell deutlich. Er ist ein armer Schneider, der seine Anstellung verloren hat und umher zieht. Er besitzt kein Geld und die feine Kleidung, die er trägt, hat er von seiner letzten Anstellung anbehalten. Sein edles und romantisches Aussehen sowie seine schüchterne Art bewirken, dass man ihm seine tatsächliche soziale Stellung nicht ansieht und sein zurückhaltendes Auftreten lässt seine Mitmenschen denken, er sei reich und wohlerzogen.
Wie kommt nun also diese für den Leser doch offensichtliche Verwechslung zustande? Wie klärt sich die Frage der Schuld?
Zum Einen durch die oben genannte Zurückhaltung und Schüchternheit, die falsch gedeutet werden zum Anderen aber auch durch selbsttätige Lügen des vermeidlichen Grafen.
Betrachtet man die Szene „Im Gasthof zur Waage“ zu Anfang der Erzählung, so bemerkt man, dass sich dort der „Graf“ zum ersten Mal selbst schuldig macht. Seine erste selbsttätige Lüge findet in dem Moment statt, als er seinen Mantel nimmt und gehen will. Der Kellner des Gasthofes denkt, der vornehme Graf suche die Toilette und weist ihm deswegen prompt den Weg dorthin. Wenzel traut sich nicht nach dem Ausgang zu fragen. Er macht sich schuldig. Hätte er zu dem Zeitpunkt einfach das Lokal verlassen und wäre wieder weiter umher gezogen, so hätte die Verwechslung ein Ende gehabt. Stattdessen verweilt er auf der Toilette des Gasthofes und die Missverständnisse nehmen ihren Lauf.
Es lässt sich also feststellen, dass die Goldacher und Wenzel sich immer wieder in ihrem Verhalten gegenseitig beeinflussen, sodass der arme Schneider fortwährend wie ein vornehmer Graf erscheint. Im Verlauf der gesamten Erzählung vollzieht der arme Schneider eine wirkliche Wandlung zu einem angesehen Grafen.
Doch erst nach der ersten Begegnung mit Nettchen, der Tochter des Amtsrates beginnt seine Metamorphose zu einem soliden Bürger Goldachs. Er, der gerade im Begriff ist Goldach zu verlassen, nachdem er seine Schulden dort mit Geld aus der Lotterie beglichen hat, kehrt nach der Begegnung mit Nettchen wieder in die Stadt zurück. Er hadert nun nicht mehr mit seiner auferlegten Rolle sondern nutzt sie sogar. Wenzel Strapinski fügt sich seinem Schicksal der Verwechselung und beginnt es bewusst zu formen.
Ein weiterer interessanter Aspekt ist hier die Verwandlung Nettchens von einem jungen naiven Mädchen hin zu einer reifen, selbstständigen Frau. Sie, die zu Anfang eher oberflächlich dargestellt wird sucht nach einem Streit mit Wenzel ein klärendes Gespräch und verlangt eine Erklärung. Sie bleibt standhaft und lehnt den Heiratsantrag Melcher Böhnis ab und verlangt schließlich auch bei ihrem Vater nach ihrem Erbe.
Des Weiteren spielt in Kellers Novelle Polen eine zentrale Rolle. Wichtig ist hierbei der historische Hintergrund des Textes, da diese Details sich mit der Entstehungszeit in Verbindung setzten lassen. Polen wurde in den Jahren von 1772 bis 1795 dreigeteilt und mehr und mehr zum Spielball der europäischen Territorialpolitik. Die in Polen vermehrt aufsteigenden Aufstände zwischen 1830 und 1846 wurden immer wieder durch Russland niedergeschlagen und viele polnische Flüchtlinge fanden in Europa freundliche Helfer. Auch die Familie Keller beherbergte zu dieser Zeit einen polnischen Flüchtling. Dies und dass Gottfried Keller zu dieser Zeit in der Schweiz als Staatsschreiber im Komitee zur Unterstützung Polens arbeitete, erklärt wohl den Grund dafür, dass aus dem armen Schneider ausgerechnet ein polnischer Graf wird.
Insgesamt ist also auch in „Kleider machen Leute“ Kellers politische Aktivität und sein politisches Interesse wiederzufinden.
Verfilmt wurde die Erzählung „Kleider machen Leute“ bereits im Jahre 1921 von Hans Steinhoff, berühmter ist jedoch die Verfilmung von Helmut Käutner aus dem Jahr 1940 mit Heinz Rühmann in der Rolle des Wenzel Strapinski. Obwohl sich die Verfilmung von Käutner am Original orientiert, gibt es doch kleine Unterschiede zum Beispiel, dass es sich im Film nicht um einen polnischen Grafen handelt, sondern um einen russischen. Insgesamt wurde die Novelle jedoch sehr gut im Film umgesetzt und ist mit Heinz Rühmann als Wenzel Strapinski sehr überzeugend und unterhaltsam.
(1) Keller, Gottfried: Sämtliche Werke, Historisch kritische Ausgabe, Band 5 , S.11, Z.1
Literatur:
Kittstein, Ulrich: Gottfried Keller. Reclam, Stuttgart 2008.
Poppe, Reiner: Königs Erläuterungen und Materialien. Gottfried Keller. Kleider machen Leute. Bange Verlang, 2007.
Judith Schleper
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