Die (un)freundlichste Stadt der Welt

new-york6„Mal ehrlich, die Leute waren früher echt ziemlich mies.“ Steve sieht aus wie Mitte dreißig, sagt aber, er sei Mitte vierzig. Kurze schwarze Haare, schwarzes T-Shirt, schwarzes Sakko, schwarze Jeans und ein spitzbübisches Grinsen. Dass Steve ein echter New Yorker ist, merkt man sofort. Er ist selbstsicher, von sich überzeugt und offensichtlich eitel. Also genau das, was ein New Yorker sein soll. Ein bisschen arrogant auch, klar, und zynisch.

Früher hätten die Leute eine Frau mit Kinderwagen an der Treppe zur U-Bahn höchstens angeschrien, sie solle aus dem Weg gehen, sagt Steve. Wenn jemand auf dem Gehweg gelegen hätte, die Leute hätten ihn damals höchstens zur Seite geschoben, weil sie sonst über ihn gestolpert wären. Zynisch eben. Das sei doch heute alles anders. Alle seien hilfsbereit, offen und herzlich. Die ach so harte Stadt der Städte hat also ihren weichen Kern zur Oberfläche dringen lassen?

Stadt der Gegensätze

new-yorkDas Klischee geht ja genau so. New Yorker sind eiskalt, berechnend und haben es immer eilig. „If you can make it here, you can make it anywhere.” Diese Stadt ist so hart, wer es hier nach oben schafft, den kann nichts mehr schrecken. Wer hier oben bleibt, dem gehört die Welt. Tatsächlich kommen die „normalen“ Viertel von New York den meisten Deutschen doch eher erschreckend ärmlich vor und dass dort die Heizungssysteme oft so alt sind, dass junge Nicht-New-Yorker gar nicht erst verstehen, wo die Wärme herkommen soll, spricht auch für eine soziale Kälte. Doch irgendwie kommt nie richtig rüber, dass jeder nur auf eine Chance wartet dem anderen den Hals abzuschneiden.

Tatsächlich ist das Klima in der Stadt irgendwie entspannt. Die gestressteste Stadt der Welt? Keine Spur. „The city that never sleeps?“ Praktisch alle Bars und Clubs machen um vier Uhr morgens das Licht aus. Selbst an der Wall Street bleiben Einheimische spontan stehen und erklären staunenden Touristen, dass der neue, silberne Wohnblock außen mit Titan versehen ist und welche Architekten beteiligt waren. Die Hauptaufgabe der Polizisten am Time Square scheint das Posieren mit Asiaten zu sein; und Wegbeschreibungen zu geben natürlich. Das Einzige, was genauso vollgestopft und stressig ist wie erwartet, ist der Straßenverkehr. Doch Hupen ist jetzt verboten, mehrere hundert Dollar Strafe.

Stadt aus Städten

new-york5New York ist jetzt also plötzlich zahm geworden? Solche pauschalen Aussagen lassen sich in dieser Stadt augenscheinlich gar nicht treffen. Selbst innerhalb jedes Stadtteils gibt es wieder Stadtteile, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Spanish Harlem grenzt direkt an den Einflussbereich der ehrwürdigen Columbia University, breite saubere Straßen werden plötzlich zu vollgestellten Sträßchen, und aus riesigen, modernen Glas- und Betonbauten werden schon leicht bröckelige, verschnörkelte Stadthäuschen. Von Starbuck’s zur älteren Dame mit dem Einkaufswagen, die unentwegt „Tamales! Tamales!“ ruft. Vom politisch korrekten Supermarkt zum großen Haufen Kinderkleidung, die einfach vor dem Laden auf dem Gehweg liegen. Diese Unterschiede finden sich, wenn man auf der Linie 1 gerade einmal ein oder zwei Stationen fährt. Diese Linie hat mehr als fünfunddreißig Stationen. Es gibt neun Linien, die sich meist in je drei bis vier Linien aufspalten. Und die 1 ist eine der kürzeren.

Stadt der vereinten Nationen

Wenn man einen Blick auf die Menschen in der U-Bahn wirft, kann man allein an ihrer Herkunft vermuten, wo sie leben. Es gibt sicher viele Städte, die so viele Kulturen beherbergen, aber in New York dabei an das Multi-Kulti-Ideal zu denken, ist falsch. Stattdessen gibt es Spanish Harlem, wo Spanisch praktisch die Hauptkommunikationsform ist, und Koreatown, wo man wegen koreanischer Hinweisschilder in der U-Bahn nur vermuten kann, ob der Zug denn heute fährt. Jedes Viertel ist überwiegend afroamerikanisch oder chinesisch oder polnisch oder russisch, eine echte Durchmischung gibt es nur in den Touristenvierteln. Trotzdem weht an jedem Block mindestens ein Banner mit den „Stars and Stripes“. Trotzdem legen alle Bewohner dieser Stadt wert darauf, New Yorker zu sein. Selbst die, die in Jersey wohnen und nur zum Arbeiten den Hudson überqueren.

Man würde bei so einer strikten Trennung eine gewisse Zurückhaltung gegenüber anderen erwarten, doch kommt das kaum vor. Wenn man sich trifft, dann sieht es doch so aus, als habe Steve Recht: hilfsbereit, offen und herzlich. So passiert es, dass ein junger weißer Mann die Treppe aus der U-Bahn hinauf stapft und plötzlich vom schwarzen Obdachlosen mit den Krücken heruntergerufen, wird um der jungen Puertorikanerin mit dem Kinderwagen zu helfen. „Junger Mann, wären sie so freundlich, ich würde gerne, aber ich kann leider nicht mehr.“ So stürzen sich gleich drei Helfer unterschiedlichster Hautfarben auf den jungen, offensichtlich drogenabhängigen Mann mit Gipsfuß, der auf dem dreckigen Bahnsteigboden ausgerutscht ist. Selbst die Wall Street Banker im feinen Zwirn machen Platz für alte asiatische Damen mit großen Tüten, ein erstaunlich ehrlich klingendes „A pleasure, Ma’am“ auf den Lippen.

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