Wege aus dem Hörsaal – Aufzeichnungen, E-Übungen und E-Tutorien als integrale Veranstaltungselemente in der Hochschullehre

Svenja Wichelhaus, Thomas Schüler, Michaela Ramm und Karsten Morisse, Fachhochschule Osnabrück

In dem Beitrag wird ein erprobtes und evaluiertes Konzept zur elektronischen Unterstützung einer Vorlesung mit begleitendem Übungsbetrieb vorgestellt, welches seit einigen Semestern von dem Autor im Rahmen der Informatik-
Ausbildung eingesetzt wird. Das Konzept kombiniert Vorlesungsaufzeichnungen, Live-Coaching- oder Moderations-Termine, Online-Übungen und Praktika als integrale Bestandteile einer Lehrveranstaltung im Rahmen eines Informatik-Präsenzstudiengangs an der Fachhochschule Osnabrück. Im Rahmen der Weiterentwicklung des Einsatzes elektronischer Lehrmaterialien hat dabei die Vorlesungsaufzeichnung die Rolle von dem die klassische Vorlesung ergänzenden Lehrmaterial hin zu einem die Vorlesung substituierenden Medium eingenommen. Das bedeutet, die typische Frontalvorlesung in Präsenz findet nicht mehr statt! Die Bausteine des Veranstaltungskonzeptes sind der angefügten Abbildung zu entnehmen. Die Veranstaltung gewährt den Studierenden Einblicke in die technischen Grundlagen der Medientypen Audio und Video im Kontext der Informatik, d. h. Digitalisierung analoger Audio- und Videosignale, Datenkompression von Audio und Video, sowie deren Verbreitung besonders über das Internet. Begleitend zur Theorie werden praktische Arbeiten von den Studierenden verlangt, die zu bestimmten Meilensteinterminen vorgelegt werden müssen. Das Veranstaltungskonzept besteht aus fünf Bausteinen:

Bausteine des Veranstaltungskonzeptes

  • AUFZEICHNUNG/PODCAST: Den Studenten stehen mehr als 40 Podcast-Episoden zu der Veranstaltung zur Verfügung. Der Inhalt dieser Episoden wurde während vorangegangener Semester aufgezeichnet und nach Überarbeitung veröffentlicht. Sie sind jederzeit verfügbar, so kann der Lernprozess unmittelbar bei Bedarf und selbstgesteuert stattfinden. In den einzelnen Episoden gibt es jeweils Links zu PDF-Dokumenten, die auf annotierte, elektronische Folien verweisen. Zusätzlich empfiehlt ein konkreter Ablaufplan, welche Episoden bis zu einem bestimmten Termin bearbeitet werden sollten.
  • MODERATION/LIVE-COACHING: Bei dem Live-Coaching handelt es sich um einen wöchentlichen Termin für die Studierenden mit dem Dozenten. Hier wird den Studierenden die Möglichkeit gegeben, bei Bedarf Fragen zu den jeweils relevanten Podcast-Episoden (Ablaufplan) zu stellen. Wenn zu viele Unklarheiten seitens der Studierenden vorhanden sind, wird der Inhalt der Episode ausführlich besprochen. Zudem dient dieser Termin dem nachfolgenden Online-Curriculum.
  • ONLINE-CURRICULUM: Ein elektronisches Übungssystem wurde eingerichtet, mit dem in Form von Tests semesterbegleitend spezifische Fragen zum Inhalt der einzelnen Themen gestellt werden. Diese Tests sind jeweils eine Woche lang frei geschaltet und schaffen eine besondere Motivation für die Studierenden, sich während des Semesters kontinuierlich mit den Lerninhalten zu beschäftigen und der drohenden Procrastination entgegen zu wirken. Dabei können sie selbst entscheiden, ob sie die Tests regelmäßig bearbeiten, oder nur ab und zu als Lernkontrolle nutzen.
  • PRAKTIKUM: Um praktische Erfahrung in den Bereichen Audio- und Videotechnik zu erlangen und damit die theoretischen Fakten durch praktisches Handeln zu festigen, wird die Vorlesung von einem Praktikum im Medienlabor begleitet. Dieses wird größtenteils in Gruppen absolviert, wobei eine Anwesenheitspflicht der Studierenden lediglich zu bestimmten Terminen (Meilensteine) gefordert wird. Dieser Block dient der Konsolidierung des theoretisch Erlernten durch praktische Arbeit.
  • ABSCHLUSSPRÜFUNG: Die Veranstaltung gilt als Bestanden, wenn die Abschlussprüfung, welche meist in Form einer Klausur und eher selten in Form einer praktischen Hausarbeit gestellt wird, erfolgreich absolviert wurde.

Das Konzept sowie die dadurch ermöglichte Flexibilität und die Freiheitsgrade, in Hinblick auf das selbstgesteuerte Lernen, werden anhand der Abbildung verdeutlicht. Die Pflichtteile der Veranstaltung bestehen lediglich aus den Meilensteinen des Praktikums und der Abschussprüfung. Die Hilfestellungen für das Selbststudium können auf unterschiedlichste Weise den individuellen Lernprozessen angepasst werden. Die eingesetzten Elemente von Aufzeichnung und elektronischen Übungen lassen sich ohne Veränderungen auch auf die Situation einer größeren Veranstaltung übertragen. Der an der Fachhochschule in kleineren Gruppen eingesetzte Live-Coaching-Termin sollte durch eine elektronische Moderation ergänzt bzw. ersetzt werden. Auftretende Fragen, die typischerweise in einer Coaching-Sitzung behandelt werden, können so auch kontinuierlich in Foren oder Chats behandelt werden. Das an der Fachhochschule häufig übliche Praktikum ist an Universitäten in der Regel nicht vorgesehen, es gibt hier aber teilweise Überschneidungen mit dem häufig stattfindenden Übungsbetrieb. Dieser kann obligatorisch durch den elektronischen Übungsbetrieb realisiert werden.

Innovationsgehalt:

Technisch betrachtet, sind die Möglichkeiten der medialen Veranstaltungsunterstützung in Form von Aufzeichnungen seit langem bekannt und etabliert. In vielen Einsatzszenarien von Vorlesungsaufzeichnungen werden diese jedoch ergänzend zur weiterhin gehaltenen Frontalvorlesung angeboten. In dem hier vorgestellten Konzept substituiert die Aufzeichnung die eigentliche Vorlesung. Die gemeinsamen Termine von Studierenden und Lehrenden werden zur Klärung spezifischer Fragen intensiver genutzt. Eine neue Herausforderung für den Lehrenden und der den Studierenden eine echte Veranstaltungsvorbereitung abverlangt. Das skizzierte Vorgehen spart keine Ressourcen, es bietet aber eine neue Qualität!

Hinsichtlich von Aufzeichnungen besteht aber vielfach ein Akzeptanzhemmnis seitens der Hochschule und der Lehrenden. Dies beruht einerseits auf der an vielen Hochschulen nicht geklärten Frage der Deputatsanerkennung elektronischer Lehrformen für den Lehrenden. Ein zweites Hemmnis ist die mit der Aufzeichnung einhergehende Transparenz, der sich der Lehrende preisgibt, wenn seine Veranstaltungen öffentlich werden. Eine gewisse Trägheit in der Akzeptanz solcher Lehrformen ist also nur rein menschlich.

Sowohl an der einen wie auch an der anderen Hochschulform ist es aber natürlich nicht damit getan, dass die Vorlesung einfach durch eine Vorlesung aus der Konserve ersetzt wird. Das der überfüllte Hörsaal in Massenveranstaltung dadurch vermieden wird, dass der Studierende der Vorlesung nun von seinem heimischen Arbeitsplatz aus folgt. Vielmehr ist ein gezieltes Kommunikations- und Informationskonzept notwendig, um die durch das elektronisch unterstützte Lernen eingeräumten Freiheitsgrade für die Studierenden derartig anzuregen, anzuleiten und zu steuern, dass aus dem selbstständigen Lernen einen erfolgreiches Lernen wird. Dies wird in dem skizzierten Konzept durch Moderationstermine (Live-Coaching), eine klare Terminplanung sowie eine deutliche Kommunikation über Ziele und Zwecke der einzelnen Bausteine erreicht. Die Moderationstermine können je nach Hochschultypus und Teilnehmerzahl durch Termine im Hörsaal oder durch Online-Werkzeuge (z.B. Experten-Chats, Foren oder Wikis) erreicht werden. Hier hat die qualitative Evaluation – bestehend aus Fragebogen, Beobachtung der Probanden im Usability-Lab bei der Bearbeitung fachspezifischer Übungen sowie anschließender Interpretation – wichtige Erkenntnisse geliefert. In der Untersuchung zur studentischen Medienkompetenz und selbstorganisiertem Lernen wurde die studentische Akzeptanz einer integralen, multimedialen Lehre deutlich. Gleichzeitig wurden aber auch Gefahren offenkundig, dass eben die erforderliche Selbstlern- und Medienkompetenz keineswegs selbstverständlich ist.

Relevanz für die Hochschulpraxis

Die Relevanz des skizzierten Vorgehens für die Hochschulpraxis ist evident. Es ist das gelebte und praktisch erprobte Konzept aus einer praktizierten Lehrveranstaltung an einer Hochschule. Die Übertragung auf andere Veranstaltungen und Hochschulen ist direkt möglich. Der Nutzen aus Sicht der Lernenden wurde im Rahmen einer umfangreichen Evaluation erhoben und wird dargestellt. Der Nutzen für Studierende und Lehrenden – ein deutlich verbesserter Notendurchschnitt gegenüber der herkömmlichen Veranstaltungsdurchführung – lässt die qualitativen Möglichkeiten des Konzeptes erahnen.