Denglisch in der Jugendsprache? Eine deskriptive Analyse von Sandro M. Moraldo

Fragestellung: Beeinflusst die englische Sprache den Sprachgebrauch deutscher Sprecher im Umfeld von Internet-Blogs?

1. Sprachkritik

Angeblich Sprachverfall, behauptet von „Laienlinguisten“ und Organisationen wie „Verein Deutsche Sprache“ u.a., sichtbar durch inflationären Gebrauch von Anglizismen, wo er nicht nötig ist

2. WWW

Netzsprache: Fachbegriffe im Standardvokabular des modernen Computernutzers (Domain, Email, Chat, Blog, Hard/Software…)

→ häufig kein äquivalenter deutscher Begriff vorhanden

Wie verhält es sich mit dem öffentlichen/privaten Sprachgebrauch in multimedialen Kommunikationsformen?

Deskriptive Analyse von Blogeinträgen

40 Blogtagebücher, Einträge mit 4000 Zeichen

1. fachsprachliche anglizismen

  • fachbegriffe werden übernommen, aber meist in akronymischer oder sprachökonomisch verkürzter form

  • genus eines wortes entspricht meist dem genus eines deutschsprachlichen äquivalentes (das guestbook, das inet, die homepage)

2. Nominaler Bereich

  • hauptsächlich in form assimilierter fremdwörter, demnach eher unauffällig (singles, loser, teamgeist, news, friends….)

  • im bereich der familie lehnformen und kosenamen (mum, dad, sis)

  • bereich der vulgär- und fäkalsprache (fuckkacke)

3. verbaler bereich

  • kreativer Umgang mit englischen Verben durch Gebrauch deutscher Konjugationsformen (chatten, surfen, einloggen, googeln)

  • Neuentlehnungen (abrocken, ancallen, worken, cruisen)

  • Verben großteils grammatisch integriert (z.B. Partizipialformen: gebloggt, gechillt)

  • Struktur einiger Präfixverben unklar: heißt es gedownloadet oder downgeloadet?

4. Adjektivischer Bereich

  • aus dem englischen entlehnte Adjektive meist in Verbindung mit voll, total, echt

  • Englische Adjektive, die auch im mündlichen Sprachgebrauch typisch sind (cool, out, happy, okay, funny)

  • cool kommt als flektiertes Attribut vor (coole Sache) nach den Regeln der deutschen Sprache

5. Fazit

  • kein inflationärer Gebrauch nachgewiesen

  • kein negativer Einfluss auf Fähigkeit deutscher Sprache nachgewiesen

  • Einbindung englischer Begriffe entweder als Fachbegriffe notwendig oder spielerisch und kreativ im Rahmen der Jugendsprache

Quelle:

Moraldo, Sandro M.: <<kaum @home schreit mein dad rum>> Internet und die deutsche Sprache oder Anglizismen in Weblogs von Jugendlichen.  in: Moraldo, Sandro M.: Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit. Zur Anglizismendiskussion in Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien. Heidelberg, Winter Verlag 2008. S. 107-134

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