Feb 04 2010

Sarah

Filmanalyse vor bildungstheoretischem Hintergrund

Posted at 22:32 under Allgemein

-Die Asche meiner Mutter-

Die Asche meiner Mutter ist eine Verfilmung der Autobiographie des bereits verstorbenen Lehrers und Schriftstellers Frank McCourt. Die Rollenverteilung im Film, wie auch die Ausgestaltung und Interpretation der einzelnen Szenen wurden stets mit Frank McCourt abgesprochen, um sicher zu gehen, dass der Film möglichst nah an der Erinnerung des Erzählers bleibt.

Ich möchte im Folgenden den Film vor dem Hintergrund des Essays „Über das schwierige Finden der verlorenen Zeit. Biographisierungsprozesse im Film aus Bildungstheoretischer Perspektive“ von Winfried Marotzki näher analysieren und herausstellen welche verschiedenen Ebenen der Artikulation im Film vorzufinden sind.

Marotzki sagt aus, dass Erinnerungsarbeit eine wichtige, wenn nicht notwenige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit darstellt, der vor allem dann eine besondere Gewichtung zukommt, wenn es sich um die Bewältigung von Trauer, Ängsten und anderen negativen Erfahrungen handelt, die ansonsten einem Verdrängungsprozess zum Opfer fielen. So bringt er Erinnerungsarbeit und biographische Arbeit auf eine Ebene, denn diese besteht hauptsächlich in der Erinnerung, findet aber zusätzlich Ausdruck durch verschiedene Medien. In diesem Schritt steckt die besondere Herausforderung, da die Erinnerungen (also Emotionen, Bilder und andere Gedanken) schlüssig und möglichst wahrheitsgetreu wiedergegeben werden sollen. Damit meine ich nicht, dass das Leben der betreffenden Person möglichst objektiv dargestellt werden soll, sonder ganz im Gegenteil, dass es möglich wird den subjektiven Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen. Marotzki arbeitet hier mit dem Begriff der ‚Artikulation‘, welcher  den Prozess der ‚Übersetzung‘ der eigenen Erinnerungen in ein Medium (Musik, Sprache, Film, etc.)beschreibt. Dabei wird jedem Medium eine ganz individuelle Ausdruckmöglichkeit zu Teil, die verhindert, dass eine bestimmte Darstellung in einem Medium in ein anderes Medium ‚übersetzt‘ werden kann, da dieser Übersetzung wichtige Ausdruckformen fehlen würden. Marotzki zeigt exemplarisch an einer autobiographischen Verfilmung, welche Artikulationsebenen genutzt werden. Dies möchte ich auf die Verfilmung der Autobiographie McCourts anwenden.

Zunächst möchte ich das Medium des Films hinsichtlich seiner ‚Artikulationsmöglichkeiten‘ betrachten. Dem Film besitzt, verglichen mit vielen anderen Medien ein breites Spektrum an Ausdruckmöglichkeiten. Durch Mimik, Gestik, Bilder, Musik, Sprache und andere Formen, können Erinnerungen dargestellt werden. Es können also alle existierenden Medien im Film untergebracht werden. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zur beispielweise relativ unverfälschten, ‚reinen‘ Repräsentation der eigenen Erinnerungen durch Sprache direkt durch den Autor. Denn im Film unterliegen die verschiedenen Rollen den unterschiedlichen Interpretationen und Fähigkeiten der Schauspieler, während die Figuren in der schriftlichen Autobiographie aus der Perspektive des Autors beschrieben werden. Bei „Die Asche meiner Mutter“ wird dieser Konflikt dadurch kaschiert, dass die gesamte Geschichte durch einen Erzähler kommentiert und begleitet wird. Dadurch wird der Zuschauer dazu angehalten, die Perspektive des Erzählers inne zu behalten.

Der Film zeigt eine bestimmte Zeitspanne in Frank McCourts Leben. Er startet zu Beginn seines ‚Erinnerungsvermögens’ im Alter von fünf Jahren und endet bei seiner Überfahrt nach Amerika im Alter von siebzehn Jahren. Es handelt sich folglich um einen relativ kleinen, aber prägenden Zeitraum in Franks Leben, der schon viele Jahre zurück liegt.

Marotzki beschreibt in seinem Essay, basierend auf der Erzähltheorie von Ricoer, die verschiedenen Kognitionsstufen die mit dem Erinnerungsprozess einher gehen. Da die Erzähltheorie Ricoers sehr kompliziert ist, werde ich mich an dieser Stelle auf die wesentlichen Punkte beschränken. Nach Ricoer stellt die Erzählung einen Weltentwurf des jeweiligen Menschen dar. Dabei ist wichtig, dass Ricoer davon ausgeht, dass es eine Dissonanz gibt, welche dadurch entsteht, dass das

Erzählen stets in einem Missverhältnis zur zeitlichen Dimension steht und folglich ein Konflikt zwischen dem Sein und der Zeit entsteht. Diese Dissonanz kann nicht in sich gelöst werden, aber durch das Erzählen und die individuelle Ausdruckform in Konsonanz gebracht werden. Ricoer führt an dieser Stelle den Begriff der Mimesis ein, der beinhaltet, dass es verschiedene ‚Entfaltungsdimensionen‘ des menschlichen Tuns gibt, was ich als verschiedenen Möglichkeiten der Artikulation verstehe. Wird also der eigenen Erinnerung durch die individuellen Artikulationsmöglichkeiten Ausdruck verliehen, kann der Zustand der Dissonanz überwunden werden und die eigene Erinnerungswelt in Konsonanz gebracht werden.

Zudem entwickelte Ricoer ein Dreiphasensystem, dem jeden Erinnerungsarbeit folgt.

Mimesis I: Präfiguration à erste Schritte der Erinnerungsarbeit in der die großen Puzzleteile sortiert

Werden

Mimesis II: Konfiguration àFestlegung einer bestimmten Reihenfolge der Darstellung, Positionierung

von Figuren in eigene Biographie

Mimesis III: Refiguration à bewusste Kognition der Positionierung von Figuren, Erkennung von

Zusammenhängen, die vorher unbewusst waren

Sicherlich sind die hier gegebenen Erläuterungen sehr einfach gehalten, aber dennoch wird deutlich, dass in der Erinnerungsarbeit große Potentiale schlummern, um das eigene Leben und Handeln, wie auch das Leben und Handeln von prägenden Personen besser oder anders und verständlicher zu betrachten.

Betrachtet man den Film „Die Asche meiner Mutter“ so kann man deutlich alle typischen Elemente der Erinnerungsarbeit erkennen und ebenfalls, wie bereits oben genannt, die vielfältigen Ebenen der Artikulation.

Durch die Figur des Erzählers wird deutlich, dass der Autor alle drei Stufen der Mimesis durchlaufen hat, denn obwohl bewusst reflektierte Aussagen durch den Erzähler vermieden werden, so wird durch den Erzählton, wie auch das Arrangement der Szenen deutlich, dass der Autor einen bewussten Blick auf das Geschehene hat. Der Erzähler nimmt im Film eine zwiespältige Position ein, da er auf der einen Seite die Gedanken des Jungen artikuliert, aber auf der anderen Seite allein die Auswahl dieser Gedanken und das szenische Spiel weit mehr aussagen, als der kleine Frank damals gedacht hat. Vor allem die dem Film zu Grunde liegende positive Grundhaltung zeigt, wie sehr Frank McCourt diese Lebensphase im Nachhinein schätzt und versteht.

Auch die Auswahl von drei verschiedenen Schauspielern, um die verschiedenen Altersstufen glaubhaft zu verfilmen, zeigt ein hohes Maß an Bewusstheit und vorhergegangener Erinnerungsarbeit. Denn aus der Sicht Frank McCourts scheinen diese Altersstufen eine wichtige Rolle in seiner Entwicklung gespielt zu haben, die er damals vielleicht schon als besonders schwierig betrachtet hat, aber erst durch den Erinnerungsprozess und die biographische Arbeit zu der bewussten Einsicht gekommen ist, wie zuträglich diese Phasen seiner Entwicklung waren.

Weitere Beispiele sind die Sicht auf seine Eltern, seine Geschwister und andere Familienmitglieder, der ironische Blick auf die Institution Schule und Kirche, wie auch auf die politische Situation. All diese Themen weisen im Film ein hohes Maß von biographischer Arbeit auf.

Meiner Meinung nach hat der Film es perfekt geschafft zwei Perspektiven zu vereinen. Zum Einen wird sehr deutlich, wie die Kindheit Frank McCourts wirklich war, mit welchen ersten Problemen er zu kämpfen hatte und wie er sich gefühlt haben muss. Zum Anderen wird ebenfalls die heute Perspektive von Frank McCourt deutlich, welche Sicht er mit den Jahren entwickelt hat und wie all die negativen Erfahrungen ihn voran gebracht haben. Der Film wird der Ernsthaftigkeit und Schwierigkeit dieser Kindheit gerecht, aber dennoch schafft es Frank McCourt diese sehr ernste Vergangenheit  mit einem Schmunzeln zu erzählen.

Quelle: Koller,H.-C.;Marotzki,W.;Sanders,O.: „Bildungsprozesse und Fremdheitserfahrung-Beiträge zu einer Theorie transformatorischer Bildungsprozesse“,transcript Verlag, Bielefeld,2007

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